Javascript Menu by Deluxe-Menu.com
USA: „Verweigerer zu unterstützen ist eine der effektivsten Möglichkeiten der Antikriegsarbeit“
Connection e.V.
Internationale Arbeit für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure
USA: „Verweigerer zu unterstützen ist eine der effektivsten Möglichkeiten der Antikriegsarbeit“

Inhaltsverzeichnis

Die Broschüre ist vergriffen.


Zum Weiterlesen

(01.05.2007) 
Rudi Friedrich: Anmerkungen zu Kriegspolitik und Widerstand in den USA
(01.05.2007) 
USA: Stimmen gegen den Krieg - Broschüre, Mai 2007
(01.05.2007) 
Darnell Stephen Summers: USA/Deutschland: Gazebo - Gespräche mit GIs in Ansbach
(01.05.2007) 
Tobias Pflüger: Deutschlands „Krieg gegen den Terror“
(29.08.2006) 
Diana Price: Frauen im US-Militär

USA: „Verweigerer zu unterstützen ist eine der effektivsten Möglichkeiten der Antikriegsarbeit“

Interview mit Lori Hurlebaus

Was macht Courage to Resist?

Lori Hurlebaus: Courage to resist unterstützt SoldatInnen, die es ablehnen, im Irak, in Afghanistan oder anderen Kriegen zu kämpfen. Wir unterstützen auch SoldatInnen, die sich öffentlich gegen Krieg äußern. Wir führen Kampagnen und Aktionen durch, mit denen wir über die einzelnen Verweigerer und ihre Motive informieren und für sie eintreten. Wir stellen heraus, dass es eine wachsende Bewegung von Frauen und Männern gibt, die sich gegen den Krieg im Irak stellen und die Teilnahme daran oder an allen Kriegen verweigern. Mit einem Rechtshilfefonds unterstützen wir sie auch finanziell. Wir helfen den Familien und sind so auch auf der ganz persönlichen Ebene für sie da.

Welches Ziel verfolgt Courage to resist mit dieser Arbeit?

Lori Hurlebaus: Unser Ziel ist, den Krieg im Irak und alle anderen Kriege der USA zu beenden. Der Irakkrieg ist nur ein Teil einer Politik, die ein weltweites US-Imperium durchsetzen will. Wir wollen diese Politik stoppen. Dabei konzentrieren wir uns darauf, SoldatInnen zu unterstützen, die den Einsatz in diesen Kriegen verweigern. Wir sind der Auffassung, dass dies eine der effektivsten Möglichkeiten ist.

Auf Eurer Webseite habe ich gesehen, dass es nur 10 bis 15 Soldaten gibt, die öffentlich ihre Verweigerung erklärt haben. Wie ist es möglich, dass diese wenigen Verweigerer eine so große Wirkung haben?

Lori Hurlebaus: Nicht alle SoldatInnen, die sich gegen diesen oder andere Kriege stellen, entscheiden sich, an die Öffentlichkeit zu gehen. Neben denjenigen, die in den USA bekannt geworden sind, gibt es auch in Kanada noch einige Dutzend. Den Militärberichten zufolge hat es in den vergangenen Jahren über 8.000 gegeben, die das Militär unerlaubt verlassen haben, also AWOL gegangen sind.

Es gehen also längst nicht alle an die Öffentlichkeit. Jedoch haben die wenigen eine sehr große Wirkung auf andere Soldaten, die ihre Teilnahme am Krieg hinterfragen. Wenn andere Soldaten sehen, welche Unterstützung die öffentlichen Verweigerer erhalten, kann es ihnen bei ihrer Entscheidung helfen. Sie können damit rechnen, dass sie selbst ebenso unterstützt werden.

Aber selbst diejenigen, die nicht an die Öffentlichkeit gehen, bringen innerhalb der Armee wichtige Fragen auf den Tisch: Was ist ein illegaler Krieg? Möchte ich daran teilnehmen? Gibt es Kriegsverbrechen?

Glaubst Du, dass es innerhalb der Armee zunehmend Kritik an den Militäreinsätzen in Irak und Afghanistan gibt?

Lori Hurlebaus: Absolut! Ich glaube, dass die Unzufriedenheit mit der US-Außenpolitik bezüglich Irak und Afghanistan im Militär wächst. Ein Beispiel hierfür ist die Erklärung „appeal for redress“, eine Petition an den Kongress, die den sofortigen Abzug der US-Truppen aus dem Irak fordert. Sie wurde bislang von über 1.700 aktiven US-Soldaten unterzeichnet.

Ein weiterer Hinweis auf die zunehmende Unzufriedenheit ist die wachsende Mitgliederzahl von Organisationen wie den Iraq Veterans against the War (Irakveteranen gegen den Krieg).

Wir bekommen auch ziemlich viele eMails von Soldaten, die ihre Beteiligung am Irak-Krieg hinterfragen: „Soll ich mich ins Kriegsgebiet verlegen lassen oder soll ich AWOL gehen? Könnt Ihr mir Informationen geben.“ Wir verweisen sie oft an die GI-Rights-Hotline (Beratungsstelle für US-Soldaten), die einige dieser Fragen beantworten kann. Sie sprechen mit ihnen auch darüber, ob man mit einer Weigerung an die Öffentlichkeit gehen soll oder nicht.

Welche Wirkung haben die Aktionen der Verweigerer auf die anderen Gruppen der Friedensbewegung in den USA? Gibt es Unterstützung? Sind die Kriegsdienstverweigerer in andere Friedensgruppen eingebunden?

Lori Hurlebaus: Insgesamt gesehen ist die Unterstützung für die Verweigerer des Krieges durch die Friedensbewegung stärker geworden. Viele Gruppen realisieren, dass eine der besten Möglichkeiten den Krieg zu beenden, darin besteht, diejenigen Soldaten zu stärken, die die Teilnahme am Krieg verweigern. Immer mehr Gruppen konzentrieren ihre Aufmerksamkeit und ihre Arbeit auf die individuellen Kriegsdienstverweigerer und rufen zur Verweigerung auf. Die Arbeit der Friedensgruppen hat sich seit Kriegsbeginn definitiv in diese Richtung entwickelt. Und wir sehen, dass die Zahl der Verweigerer zunimmt.

Courage to resist wurde im Jahre 2005 gegründet. Davor gab es keine Gruppe, deren Schwerpunkt darin lag, SoldatInnen zu unterstützen, die die Kriegsteilnahme ablehnen. Wir spürten, dass das notwendig ist: den Widerstand von GIs gegen den Krieg, die Antirekrutierungsarbeit und den Widerstand gegen die Einberufungen zu fördern. Dadurch werden dem Krieg einige der Hauptakteure entzogen, nämlich die Soldaten, die es dem Militär erlauben, den Irak weiter besetzt zu halten. Eine Arbeit, die die Zahl der aktiven Kämpfer verringert, ist äußerst wirksam. Sie kann zum Kriegsende führen.

Gibt es aktuell weitere Aktivitäten der Friedensbewegung in den USA?

Lori Hurlebaus: Spannend ist das sogenannte Occupation Project. Dabei versuchen Soldatenfamilien, Veteranen und andere besorgte Bürger stufenweise den Druck auf die Regierung zu erhöhen, indem sie in politischen Büros zivilen Widerstand leisten und sie besetzen. Ziele dieser Aktivitäten sind Büros von Senatoren und Mitgliedern des Repräsentantenhauses, die verantwortliche Posten haben und den Krieg vorantreiben. Die Aktiven verfolgen die Taktik, verhaftet zu werden. Sie fordern, dass der Kongress dem Volk Rechenschaft über den Irakkrieg ablegen muss. Der zunehmende Zivile Ungehorsam ist ein Zeichen für die wachsende Unzufriedenheit darüber, dass Demonstrationen, Petitionen und andere Protestformen keine Ergebnisse gezeigt haben.

Andere konzentrieren sich auf die Impeachment-Bewegung. Sie hat zum Ziel, George Bush und Dick Cheney zur Verantwortung zu ziehen und anzuklagen.

Ein Großteil der Energie wird also momentan darauf verwendet, Druck auf den Kongress sowie die Regierung auszuüben und so einen Wandel der US-Politik herbeizuführen. Das hängt auch damit zusammen, dass es bald Präsidentschaftswahlen geben wird. In Wahlzeiten gibt es immer wieder den Versuch, hier politischen Einfluss geltend zu machen.

Eins lässt sich aber feststellen: Viele haben die Nase voll vom Krieg! Sie wollen klar stellen, dass der Krieg nicht fortgesetzt werden darf! Das Volk will ein Ende des Krieges!

Welche Auswirkungen haben die bereits erwähnten Aktivitäten der Friedensgruppen auf die US-amerikanische Gesellschaft?

Lori Hurlebaus: Das ist schwer zu ermessen. Über 70% der US-Bevölkerung unterstützen den Krieg nicht. Es gibt also bereits viele, die gegen den Krieg sind. Ich denke, dass gerade die starke Rolle einer zunehmenden Zahl von Veteranen, von aktiven Soldaten sowie von Familienmitgliedern aktiver Soldaten in der Friedensbewegung wichtig ist. Das berührt viele, die zwar gegen den Krieg sind, sich aber nicht an Aktionen beteiligen oder aktiv die Friedensbewegung unterstützen. Der Kampf gegen den Krieg bekommt so konkrete menschliche Gesichter.

Viele Leute bewegt es auch, wenn die Zahl der Kriegstoten zunimmt. Sie sind weniger berührt von über 650.000 toten IrakerInnen, sondern vielmehr von einer wachsenden Zahl toter US-SoldatInnen. Der Schmerz der Angehörigen und die Tatsache, dass sich die Situation nicht bessert: Das sind die Aspekte, die auch die normale Bevölkerung erreicht, die nicht Teil der Friedensbewegung ist.

Momentan gibt es ja Stimmen der Demokraten, die einen Rückzug aus dem Irak innerhalb eines Jahres fordern. Könnte eine Regierungsübernahme durch die Demokraten die Situation verbessern?

Lori Hurlebaus: Ich sehe schon, dass es wichtig ist, sich die Möglichkeit der politischen Einflussnahme in Senat und Kongress zu erhalten und weiterhin die Verantwortlichkeit der Regierung einzufordern. Das ist eine wichtige Arbeit. Aber auf der anderen Seite sehe ich auch, dass die Regierungspolitik, von wem auch immer sie geführt wird, nur einen kleinen Prozentsatz der Elite bevorteilt. Wenn die US-Regierung ihre Außenpolitik deutlich ändern würde, würden diejenigen, die wichtige Regierungspositionen innehaben, ihr Geld verlieren, das sie durch Kriegsprofite erwirtschaftet haben. Deshalb gehe ich nicht davon aus, dass sich durch eine Regierungsübernahme durch die Demokraten der Kurs der US-Außenpolitik tatsächlich ändert.

Wie wichtig ist Feminismus für die antimilitaristische Arbeit der Kriegsgegner?

Lori Hurlebaus: Zweidrittel der Frauen werden im Militär sexuell belästigt oder misshandelt. Der Fall von Suzanne Swift, die deshalb einen erneuten Einsatz im Irak ablehnte, hat das vor einigen Monaten erneut deutlich werden lassen. Die Erniedrigung von Frauen oder auch Rassismus sind Bestandteil der militärischen Ausbildung. Um an einem Besatzungskrieg teilnehmen zu können, muss man andere Menschen unmenschlich behandeln: Land besetzen, töten, misshandeln. Das zeigt sich dann auch innerhalb des Militärs.

Aber ich denke nicht, dass das Militär alleine solche Verhaltensweisen hervorbringt: sexuelle Übergriffe, Missachtung und Misshandlung von Frauen. Der Sexismus ist tief in der Gesellschaft verankert - zumindest in der Kultur der USA. Frauen werden als Objekte angesehen. Auch in der Friedensbewegung ist die Unterdrückung von Frauen nicht überwunden.

Im Militär sind diese Tendenzen sicherlich noch intensiver zu beobachten. Frauenfeindliches und sexistisches Verhalten werden dort eher gestützt als abgebaut.

Wie wichtig ist die internationale Unterstützung für US-Kriegsdienstverweigerer?

Lori Hurlebaus: Sie ist sehr wichtig! Einer der besten Wege zur Beendigung des Irakkrieges ist es, SoldatInnen im US-Militär zu unterstützen, die ihre Beteiligung am Krieg verweigern. Außerdem kann eine breite öffentliche Unterstützung Einfluss auf die möglichen Konsequenzen haben, welche die einzelnen Verweigerer erwarten, wenn sie diesen mutigen Schritt gehen. Sie gehen ja mit ihren öffentlichen Erklärungen ein großes Risiko ein.

Wenn es eine breite öffentliche Unterstützung für Verweigerer gibt und andere aktive Soldaten zur Kenntnis nehmen, dass auch sie ähnlich unterstützt würden, entscheiden sie sich vielleicht auch dazu. Es ist also unglaublich wichtig, die Unterstützung so breit wie möglich und international anzulegen.

Warum bist Du bei Courage to resist aktiv?

Lori Hurlebaus: Ich sehe das als effektivste Art, meine Energie dahingehend einzusetzen, um den Krieg zu stoppen: Die SoldatInnen zu unterstützen, die sich entschieden haben, ihre Teilnahme am Krieg zu verweigern.

Ich möchte die einzelnen Verweigerer unterstützen, die alles riskieren, indem sie gegen den Krieg klar Stellung beziehen. Sie riskieren alles, wenn sie NEIN sagen! Sie begehen diesen alternativen Akt des Zivilen Ungehorsams. Es ist ein sehr großes Risiko. Ich möchte alles tun, was in meiner Macht steht, um das zu unterstützen. Als Zivilist habe ich die Verantwortung, hinter ihnen zu stehen.

Ich bin auch durch ihre Geschichten und Motive bewegt und berührt. Es gibt so viel Not und Unglück. Und da gibt es Leute, die ausbrechen und ganz klar Stellung beziehen: Das gibt mir Hoffnung. Und es gibt mir die Freude an der Auseinandersetzung, die wir wohl noch eine lange Zeit führen müssen.

Kontakt

Courage to Resist

484 Lake Park Ave # 41

Oakland CA 94610, USA

Tel.: 001-510-7642073

www.couragetoresist.org


Interview mit Lori Hurlebaus, Courage to Resist. 4. April 2007. Abschrift und Übersetzung: Peter Gramlich. Bearbeitung: Rudi Friedrich. Dieser Beitrag erschien in: Connection e.V. (Hrsg.): Broschüre "USA: Stimmen gegen den Krieg", Offenbach/M., Mai 2007, 40 Seiten A 4. Wir bedanken uns für die finanzielle Förderung durch die Bertha-von-Suttner Stiftung und das Pfarramt für Friedensarbeit der ev. Kirche Hessen-Nassau.



Stichworte:    ⇒ Antimilitarismus   ⇒ Desertion   ⇒ Frauen   ⇒ Friedensbewegung   ⇒ Irak   ⇒ Krieg   ⇒ Kriegsdienstverweigerung   ⇒ USA

Copyright soweit nicht anders angegeben: © Connection e.V.