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Die Naturfreundejugend Offenbach und der algerische Rückführungsdienst für Deserteure
Connection e.V.
Internationale Arbeit für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure

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(15.04.2011) 
Algerien: Rückführungsdienst für Deserteure 1957-1962 - Broschüre, April 2011

Die Naturfreundejugend Offenbach und der algerische Rückführungsdienst für Deserteure

von Frank Bärmann

Im Sommer 1960 begegneten sich auf einer Pressekonferenz in Frankfurt Klaus Vack und Winfried Müller alias Si Mustapha. Während des Algerienkriegs hatte Si Mustapha den Rückführungsdienst für Legionäre begründet, nachdem er im Herbst 1956 für einen Kommandanten Westalgeriens Fremdenlegionäre gedolmetscht und dabei über die Zustände in den französischen Einheiten erfahren hatte.

Si Mustapha war 1926 mit dem Namen Winfried Müller als Sohn einer teils jüdischen Familie in Wiesbaden geboren. Bei Verwandten in Innsbruck lebend, wurde er als 16-jähriger Realschüler wegen antifaschistischer Wandparolen Ende 1942 ins Konzentrationslager Mauthausen verschleppt und in ein Strafbataillon der Wehrmacht an die Ostfront geschickt. Hier dürfte er für seine spätere Arbeit beim Rückführungsdienst der algerischen Befreiungsarmee in Marokko wichtige Erfahrungen gemacht haben: Ihm gelangen die Flucht und das Überlaufen zur Roten Armee.

Für diesen Mann organisierte Klaus Vack, Jahrgang 1935, als Landesjugendleiter der Naturfreundejugend Hessen eine Pressekonferenz im Sommer 1960 in Frankfurt. Bereits im Februar 1959 befasste sich der Spiegel mit dem Thema Fremdenlegion und berichtete über Si Mustaphas Erfolge im Rückführungsdienst der Algerischen Befreiungsfront FLN.

Die Einsatzorte der Fremdenlegion waren schon immer französische Kolonien. Nach der Niederlage im Indochinakrieg zählte sie noch etwa 35.000 Soldaten. Nach dem Zweiten Weltkrieg bewarben sich für die Fremdenlegion viele Deutsche, darunter auch Angehörige der Waffen-SS und Gebirgsjäger der Wehrmacht. Rund 70 Prozent der in Algerien kämpfenden Legionäre kamen aus Deutschland. Aber erst durch die Arbeit des Rückführungsdienstes wurden Details über die Zusammensetzung der Fremdenlegion bekannt: Mehr als die Hälfte der Zurückgeführten waren noch minderjährig. Der jüngste von ihnen, ein Deutscher, war mit 15 Jahren Legionär geworden. Auch die Schweiz befasste sich mit den Ereignissen in Algerien. Von jedem heimgekehrten Legionär verlangte sie eine eidesstattliche Aussage vor Gericht.

In einem längeren Spiegelartikel dokumentierte Si Mustapha Anfang September 1959 auf fünf Seiten die Arbeit seines Rückführungsdienstes: Seit 1957 waren über das Büro in Marokko knapp 3.000 Fremdenlegionäre in ihre Heimatländer zurückgeschickt worden, davon 2.000 Deutsche. Mit Flugblättern versuchten Si Mustaphas Leute, die Legionäre in den Kasernen durch Fluchtberichte ihrer bereits desertierten Kameraden zu erreichen. Andere sprach man in Kaschemmen und Bordellen an. Wer desertierte, kam zunächst in Marokko an und wurden zur Zentrale des Rückführungsdienstes nach Tetuan gebracht. In die Bundesrepublik verlief die Rückführung unproblematisch. Zu diesem Zweck richtete das deutsche Konsulat von Casablanca eine Außenstelle in Tetuan ein.

Von der Arbeit des Rückführungsdienstes war Klaus Vack fasziniert. Zusammen mit der Naturfreundejugend Offenbach organisierte er eine Briefkampagne. Hunderte Briefe schickten sie handgeschrieben an Fremdenlegionäre nach Algerien. Um keinen Verdacht aufkommen zu lassen, wurden die Briefe beispielsweise bei Bundestreffen den Mitgliedern aus unterschiedlichen Städten bündelweise zum Einwerfen mitgegeben. Teils antworteten die Briefe auf Kontaktanzeigen der Legionäre in Boulevardblättern: Statt eines einsamen Mädchens schrieb die Naturfreundejugend aus Offenbach. Alle übrigen Briefe wurden an Feldpostnummern adressiert.

Jeder vom Rückführungsdienst betreute Deserteur wurde in Tetuan nach seiner Einheit und seinen Kameraden befragt. Auf diese Weise wurden die Feldpostnummern weiterer Legionäre bekannt. Inhaltlich ermutigten die Briefe zur Desertion und gaben dazu konkrete Fluchtanweisungen mit der Aussicht, sicher nach Hause gebracht zu werden.

Die Offenbacher Briefaktion verlief konspirativ. Die Arbeit für die Befreiung Algeriens war nicht ungefährlich. Durch die Organisation Rote Hand verübte der französischen Geheimdienst Bombenattentate. Diese galten nicht nur Waffenlieferanten, sondern auch Aktivisten aus dem Umfeld des Rückführungsdienstes. Si Mustapha erhielt bereits 1957 eine Briefbombe. Im März 1960 wurden zeitgleich Briefbomben in Marokko, Holland und Belgien zugestellt. Während Si Mustapha und sein Brüsseler Verbindungsmann dem Attentat noch knapp entkamen, tötete eine Briefbombe ihren Lütticher Kollegen. Über die Briefbombenserie berichtete der Spiegel im April 1960.

Mehrere Bombenanschläge verübte die Rote Hand auch in Deutschland. In Hamburg galten die Bomben im September 1956 und Juni 1957 einem Waffenhändler, während im Oktober 1958 das Schiff eines weiteren Waffenhändlers im Hamburger Hafenbecken versenkt wurde. Im November 1958 erschoss die Rote Hand den algerischen Rechtsanwalt und Delegierten der FLN Ait Ahcene in Bonn auf der Fahrt zur Tunesischen Botschaft. Und in Frankfurt wurde ein Waffenhändler im März 1959 durch eine Autobombe im Westend getötet, während ein weiterer Waffenhändler im Dezember 1959 ebenfalls in Frankfurt durch eine Briefbombe beide Hände verlor. Weitere Anschläge gab es in Köln, Saarbrücken und München, aber auch im übrigen Westeuropa. Über die Bombenanschläge u.a. in Frankfurt berichtete der Spiegel im März 1959 und nochmals ein Jahr später ausführlich. Angesichts dieser Ereignisse war die Offenbacher Briefaktion ab Sommer 1960 ein mutiges Unternehmen.

Der algerische Rückführungsdienst für Fremdenlegionäre beendete seine Tätigkeit Ende 1962. Seit 1957 hatte er im Verlauf seiner sechsjährigen Arbeit 4.111 Legionäre in ihre Herkunftsländer zurückgeführt, davon 2.783 nach Deutschland.

Nach 1962 wurde Si Mustapha in Algerien Repräsentant des Ministeriums für Jugend, Sport und Tourismus. Wenig später verlor sich seine Spur. Über Si Mustaphas Verbleib war nichts zu erfahren. Doch davon abgesehen, wäre für die Offenbacher durch die Hallsteindoktrin der Kontakt mit einer Algerischen Institution verboten gewesen.

In Frankreich wurde Klaus Vack in Abwesenheit zu zwanzig Jahren Festungshaft verurteilt, jedoch im Jahr 1967 amnestiert.

In dieser Broschüre berichten wir über die Hintergründe des Rückführungsdienstes. Fritz Amann, damals bei der Naturfreundejugend aktiv, schilderte uns in dem hier dokumentierten Interview zudem ausführlich, wie die Gruppe aktiv geworden ist, um Fremdenlegionäre zurück nach Deutschland zu holen.


Frank Bärmann: Die Naturfreundejugend Offenbach und der algerische Rückführungsdienst für Deserteure. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. (Hrsg.): Broschüre »Algerien: Rückführungsdienst für Deserteure 1957-1962«, April 2011



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