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WRI-Bericht

Kapstadt im Winter: In der Nacht war es kalt, auf dem Tafelberg lag am Ende sogar leichter Schnee, am Tag war es angenehm warm. Die erste Konferenz der War Resisters´ International auf dem afrikanischen Kontinent, organisiert zusammen mit der südafrikanischen Organisation Ceasefire Campaign, Kampagne Waffenstillstand, fand im Zentrum der Stadt, in der 1905 von den Engländern erbauten City Hall statt. Dort, wo schon zu Apartheidzeiten 1985 der inzwischen verstorbene Kriegsdienstverweigerer und Mediziner Ivan Toms drei Wochen gegen den Einsatz der Apartheidarmee in Townships fastete, wo 1989 Bischof Desmond Tutu zum legendären Friedensmarsch sprach und wo Nelson Mandela seine erste Rede nach seiner Freilassung hielt.

Im großen Saal, mit überwältigender Orgel, gab es die Auftaktveranstaltung mit gut 300 Gästen, wobei auch viele aus Kapstadt gekommen waren. Reden hielten u.a. die Stellvertreterin der Bürgermeisterin und Desmond Tutu, der alte Rebell. Mit Käppi, Charme und Witz erreichte er die Herzen der Leute, ganz wie der alte Niemöller, mit seinem Appell an die Macht der Gewaltfreiheit. Überzeugend kam auch die Rede des Palästinensers Omar Barghouti rüber. Er appellierte, Produkte aus den von Israel besetzten Gebieten zu boykottieren, forderte Firmen auf, sich zurückzuziehen und die Staaten, Sanktionen zu verhängen.

Bei der Konferenz selbst spürte man leider nicht mehr so viel von dem Enthusiasmus. Schon vor ihr hatten sich in der Pan-Afrika-Arbeitsgruppe der WRI Menschen aus 30 afrikanischen Ländern getroffen, ausgetauscht und eine bessere Zusammenarbeit vereinbart. Was aber nun genau, das wurde leider nicht mitgeteilt. Auch war das französischsprachige Afrika nur spärlich anwesend. Ich halte den panafrikanischen Gedanken zwar für inspirierend, aber angesichts der Realitäten wohl als zumindest erstmals überholt. So schön die Vielfalt der afrikanischen TeilnehmerInnen war, so muss aber doch auch angemerkt werden, dass viele von Organisationen kamen, die mehr oder minder von westlichen Geldgebern gespeist werden. So fragte ich z.B. einen Teilnehmer, was er vom Einsatz der Bundeswehr in seinem Land halte, und er gab mir zur Antwort, dass er dazu nichts sagen möchte, schließlich würde seine Organisation von der Bundesregierung finanziert. Verständlich, traurig, aber so ist es nun mal in der realen Welt.

Dann gab für die etwa 200 TeilnehmerInnen der Konferenz Plenen zu Gewalt und Gewaltfreiheit in Bezug auf politische Veränderungen, die Umwelt, das Zusammenleben und die Erziehung in verschiedenen Ländern. Leider sprang aber der Funke kaum mal rüber. Manches erinnerte an Expertenbefragungen bei Talkshows im Fernsehen. Bei einigen blieb mir sogar insgesamt rätselhaft, was sie nun eigentlich sagten.

Dann gab es insgesamt 13 Themengruppen, die sich über die ganze Konferenz hinzogen. Weniger wäre sicherlich mehr gewesen. Im meiner, „Gegen die Militarisierung der Jugend“ waren vor allem ältere Europäer, die detailliert die Anstrengungen darstellten, die Jugend für das Militär zu gewinnen. Da kann die Bundeswehr noch manches von andren Ländern lernen.

Was in den Themengruppen lief, blieb leider weitgehend unklar, da deren Ergebnisse dann lediglich auf Wandzeitungen dargestellt wurden.

Nachmittags gab es zu den verschiedensten Themen parallel jeweils mehr als 15 verschiedene Arbeitsgruppen. Leider kann man aber nur jeweils eine davon besuchen.

Ich war bei „Wer kontrolliert die Waffenkontrolleure?“, wo die südafrikanischen Ausfuhrrichtlinien mit denen der EU verglichen wurden. Sie sind sehr viel unklarer, was den Export sehr erleichtert. Aber, sind diese Richtlinien nun dazu da, den Export zu be- bzw. gar zu verhindern – oder doch mehr um ihn zu legitimieren?

In einer anderen wurde mit einem Film der Kampf um die südkoreanische Insel Jeju gezeigt, wo die USA eine große Militärbasis errichten. Das war für mich weitgehend neu, ansprechend gemacht und beeindruckend.

Die AG zur Diskussion über die Rezeption des I. Weltkrieges in den jeweiligen Ländern war wieder von europäischen Teilnehmern geprägt. In Frankreich und GB wird der Sieg über Deutschland noch immer als große Heldentat gefeiert. In Deutschland dagegen ist man, angespornt durch das Buch „Schlafwandler“, bemüht, zu zeigen, dass man nicht die Alleinschuld daran hat – wohl auch um eine zukünftige Kriegsbeteiligung als normal darstellen zu können. Interessant waren die Ansätze der Kriegsgegner mit dem Thema umzugehen: In Frankreich hat man mit einem Tribunal die Generäle angeklagt, in Großbritannien in einer Broschüre das gegen den Krieg gerichtete Wirken der Kriegsdienstverweigerer dargestellt.

In einer Arbeitsgruppe zu Lateinamerika, mit TeilnehmerInnen aus verschiedenen Ländern wurde zuerst ein (neuer?) Begriff dargestellt „Extraktion“. Die enge Auslegung, Ausbeutung der Bodenschätze, und die weite, der die RednerInnen anhängten „Ausbeutung von Mensch und Natur“. Um dann zum Fazit zu kommen, dass sich sowohl rechte wie linke Regierungen darin nicht unterscheiden. Das mag richtig sein, verwischt aber doch für die Bevölkerung entscheidende Unterschiede, wie Partizipation, Programme gegen Armut etc.

Abends gab es dann ein fulminantes Kulturprogramm, das keine Wünsche offen ließ: Trommler, Gedichte, Jazz, Chor, Tanz, Hip-Hop ....

Ein Höhepunkt war zweifelsohne der gezeigte Film zu Marikana in Südafrika. Wie an so vielen Stellen haben dort letztes Jahr Minenarbeiter für höhere Löhne gestreikt. Sie wollten etwa 800 € monatlich. Der engl. Konzern Lonmin holte die Polizei – und schließlich gab es 34 Tote. Die Apartheid ist vorbei, aber überwunden ist sie nicht. Der Film zeigte überzeugend den entschlossenen und gewaltfreien Kampf der Streikenden und die eskalierende Taktik der Polizei. Anschließend stand ein Gewerkschafter und der Filmemacher Rede und Antwort. Leider blieb die eigentliche Ursache außen vor. Und das ist die südafrikanische Regierung, an der der Gewerkschaftsdachverband COSATU beteiligt ist. Was gleich nach der Apartheid vielleicht Sinn machte, ist jetzt das Problem. Die Einbeziehung der Gewerkschaft in die Regierung beraubt den Arbeitern ihre Interessensvertretung. COSATU verurteilte den Streik, gab damit der Polizei grünes Licht - und hilft so, die ungerechten Verhältnisse zu zementieren.

Nicht vergessen werden darf die wirklich gelungene Veranstaltung zum Tod des all zu früh verstorbenen WRI-Vorsitzenden Howard Clark. Jede und jeder durfte eine Anekdote beisteuern. So berichtete z.B. jemand von der WRI-Konferenz in Indien. Als Howard sah, dass eine Toilette verstopft war, hat er sie mit den Händen wieder freigeräumt. Ja, zwischendurch war es auch ganz lustig. Ich denke, das war wohl ganz in seinem Sinne.

Am Rande der Konferenz gab es noch etliche Ausstellungen, so zur Geschichte der End Conscription Campaign, aktuelle Fotos von damaligen Verweigerern, antimilitaristische Gemälde und Fotos - und nicht zu vergessen: Stickereien. Etwa 20 Frauen betätigten sich den ganzen Kongress über damit und schufen beeindruckende Kunstwerke.

Was bleibt? Erstmals fand ich es schade, auch wenn immer wieder mal afrikanische Themen angesprochen wurden (Ureinwohner Südafrikas, Menschenrechte in Zimbabwe...), dass der Krieg, der in verschiedenen Ländern herrscht, eigentlich kein Thema war. Nicht nur die Kriege in Afrika nicht (Mali, Zentralafrika, Somalia, Kenia, Mocambique...) auch Syrien, Ukraine, Israel/Palästina spielten zumindest in den plenaren Veranstaltungen keine Rolle. Trotzdem: Es war ein Kongress, der Freude bereitete. So viele alte und neue Gesichter. Da bleiben Ideen nicht aus, zukünftig wieder mehr zusammen zu arbeiten.

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