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Israel: Wir sorgen uns, wir geben nicht auf. Das zeigen wir!
Connection e.V.
Internationale Arbeit für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure
Israel: Wir sorgen uns, wir geben nicht auf. Das zeigen wir!

Verweigert den Dienst für die Besatzung - Wir weigern uns Feinde zu sein

Vom 9. - 20. November 2015 stehen die israelischen KriegsdienstverweigerInnen Tair Kaminer und Yaron Kaplan für Veranstaltungen zur Verfügung.


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(19.11.2015) 
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(22.10.2015) 
Israel: Gegen Krieg und Militarisierung - Veranstaltungsreihe mit den KriegsdienstverweigerInnen Tair Kaminer und Yaron Kaplan
(03.09.2015) 
Connection e.V. und DFG-VK Bildungswerk Hessen: Veranstaltungsangebot mit israelischen KriegsdienstverweigerInnen -  9. bis 20. November 2015

Israel: Wir sorgen uns, wir geben nicht auf. Das zeigen wir!

von Adam Keller

Es schmerzt, die Nachrichten im Fernsehen zu sehen. Es macht wütend, die Politiker und Kommentatoren zu hören. Und ich hoffe darauf, dass das Telefon klingelt und eine Stimme sagt: "Morgen gehen wir auf die Straßen, um unsere Stimme zu erheben, die Stimme des Protests! Komm mit uns, es ist enorm wichtig!" Gestern Nachmittag kam endlich so ein Anruf. Noa Levy berichtete uns von der Initiative von Hadash, sich am Freitagnachmittag auf der King George Street zu treffen. "Die Frauen in Schwarz stehen dort jede Woche, seit Jahren. Aber in der aktuellen Situation ist es nicht genug, wenn nur sie da sind. Viele sollten kommen, um zu zeigen, dass wir uns sorgen, dass wir nicht aufgeben, dass wir Stellung beziehen!"

Es ist Zeit für mich, eine Nachricht in Hebräisch und Englisch an die AktivistInnen und die Medien zu schicken: "Die Realität, wie der Konflikt gemanagt wird, fliegt uns jetzt um die Ohren. Die Besatzung wird immer gewalttätiger und gefährlicher. Die rechte Regierung ist eine immense Gefahr für alle, die hier leben. Wir alle, auf beiden Seiten, zahlen den Preis - und dieser wird mit jedem Tag höher. (...) Es gibt nur einen Weg, die Eskalation zu beenden und den Kreislauf der Gewalt und des Todes zu durchbrechen: eine politische Lösung, die Beendigung der Besatzung und die Errichtung eines unabhängigen palästinensischen Staates mit der Hauptstadt Ost-Jerusalem, Seite an Seite mit dem Staat Israel in seinen 1967 international anerkannten Grenzen."

Ich war mitten in den Vorbereitungen, als ich einen weiteren Anruf erhielt: "Was fällt Euch ein? Was fällt Euch ein, eine Anzeige aufzugeben, mit der die palästinensische Intifada mit unserem Befreiungskampf gegen das britische Mandat verglichen wird? Unsere Untergrundgruppen haben nur auf britische Soldaten gezielt, aber die, Eure palästinensischen Freunde, töten uns ohne Unterschied!" - "Während der Zeit des Mandats gab es hier gar keine britische Zivilbevölkerung, nur Soldaten." - "Das tut nichts zur Sache, sie sind alle abscheuliche Mörder - und Ihr unterstützt sie!" - "Und was würden Sie sagen, wenn die Palästinenser darauf achteten, keine israelischen Zivilisten zu treffen, sondern ihr Feuer ausschließlich auf die Soldaten der israelischen Armee richten würden?" - "Was? Rufen Sie dazu auf, unsere Soldaten zu ermorden? Ihr alle seid Verräter! Ich spreche nicht mit Verrätern, ich werde die Polizei anrufen!"

Der Bus ins Zentrum von Tel Aviv braucht lange, um durch die Staus zu kommen. Auf dem Boden des Busses liegt die gestrige Ausgabe von Yediot Ahronot. Jeder einzelne Fall, bei dem ein Israeli von einem Palästinenser mit einem Messer angegriffen wurde, füllt eine ganze Seite (insgesamt sind es vier). Nirgendwo wird erwähnt, dass Hunderte von Polizisten in das Flüchtlingslager Shuafat eindrangen und es dort Auseinandersetzungen mit Tausenden von Bewohnern gab, bei dem ein Palästinenser starb und viele verwundet wurden. (Über dies Ereignis wurde nur in Ha'aretz berichtet). Einer der Berichte in Yedioth Ahronoth erwähnte, dass nach der Messerattacke am Mittwoch in Petah Tikva extrem Rechte dorthin eilten und riefen: "Tod den Arabern! Brennt ihre Dörfer nieder!" Aber die Reporter der Zeitung zitierten auch einen Bewohner von Petah Tikva mit Namen Yehudit: "Oh Gott, was für schreckliche Dinge passieren hier. Ich fürchte, dass dies erst der Anfang ist. Es ist nicht richtig zu rufen: 'Tod den Arabern!' Auch sie wollen leben. Wir müssen einen Kompromiss finden. Aber bis dahin haben sie nichts zu verlieren. Ich weiß nicht, wie wir in diese Situation kommen konnten, ich bin sehr beunruhigt."

Genau zur angekündigten Zeit füllten Transparente und Plakate die Kreuzung King-Georg und Ben-Zion. Es gab viele rote Plakate mit der Aufschrift "Juden und Araber weigern sich Feinde zu sein", hier und dort das bunte runde Zeichen mit den beiden Flaggen von Gush Shalom und den Slogan "Die Besatzung tötet uns alle!" - Ein Slogan der Zweiten Intifada, der auch heute wieder ganz aktuell ist. Eine grauhaarige Frau hielt ein handgeschriebenes Plakat hoch, das sie von zu Hause mitgebracht hatte: "Wie wird das Ende aussehen?" Frauen in Schwarz, die hier jede Woche stehen, hielten ihre üblichen Transparente - mit einer schwarzen Palme und dem Slogan "Weg mit der Besatzung!"

Ein temperamentvoller junger Mann mit dem Mikrofon rief: "Keine Eskalation - Krieg ist nicht unsere Art!" / "Keine weiteren Toten, keine Hoffnungslosigkeit - Weg mit der Besatzung!" / "Die Besatzung ist ein Desaster - die Antwort kann nur Frieden sein!" / "Rechte an der Macht - Nirgendwo Sicherheit!" / "Rechte an der Macht - Keine Lösung in Sicht!" / "Die Antwort auf den Hass der Rechten - Israel und ein palästinensischer Staat!" / "Stoppt das Töten, genug Verluste - Die Besatzung muss beendet werden!" Am lautesten wurde es bei den Slogans, die auf vielen Transparenten standen: "Juden und Araber - Weigert Euch Feinde zu sein! Weigert Euch Feinde zu sein! Weigert Euch!"

Drei Abgeordnete der Knesset trafen ein - Ayman Odeh, Dov Khenin und Abdallah Abu Marouf. Nacheinander nahmen sie das Mikrofon und hielten eine kurze Ansprache. "Dies sind die Tage der Angst und oft der Verzweiflung. Insbesondere deswegen ist es so wichtig, dass andere Stimmen gehört werden. Endlos hören wir die Demagogie, eine Demagogie voller Hass, eine Demagogie des Krieges. Wir erinnern uns, dass vor 20 Jahren ein Mann aufstand, der gegen solche Demagogie anging, ein Mann namens Yitzhak Rabin. Wir wissen was ihm geschah, hier in Tel Aviv. Wir werden den Kampf weiterführen! Oft scheint es, dass es eine Stimme in der Wildnis ist, aber die schweigende Mehrheit auf beiden Seiten will eine Zukunft in Frieden. Wir sagen es hier, laut und klar: Wir sagen Ja zu Verhandlungen, Ja zu ernsthaften, wirklichen Verhandlungen, die zu einem Ende der Besatzung und zu einem palästinensischen Staat an der Seite Israels führen - ganz sicher an der Seite Israels, nicht auf Kosten Israels! Wir sprechen zwei Sprachen, hebräisch und arabisch, und in beiden Sprachen drücken wir eine gemeinsame politische Botschaft aus. Wir sind hier, Juden und Araber, wir wollen keine Feinde sein! Wir wollen in Frieden leben, wir wollen, dass unsere beiden Völker in Frieden leben! Wir werden nicht kapitulieren vor der Logik von Töten und Tod, Angst und Hass. Es gibt einen anderen Weg! Es kann neue Hoffnung für Mütter und Väter geben, die jedes Mal Panik befällt, wenn ihre Kinder das Haus verlassen. Es kann neue Hoffnung für junge Menschen in den Flüchtlingslagern und auf den Straßen von Tel Aviv geben. Wir können unsere beiden Völker befreien von der Besatzung, jedem und jeder Frieden und Gerechtigkeit bringen."

"Es gab viel weniger feindliche Antworten als ich befürchtet hatte, und sogar einige unterstützende Kommentare von Passanten. Die Situation ist weniger schrecklich, als man den Eindruck hat, wenn man zu Hause alleine vor dem Fernseher sitzt", sagte eine alte Aktivistin. Als sich die Versammlung auflöste, rief ein Organisator über die Lautsprecher: "Morgen wird es eine landesweite Demonstration in Nazareth geben. Es gibt Busse von Tel Aviv und Jaffa. Alle die können, bitte kommt auch dorthin. Und an alle: Wir sehen uns das nächste Mal hier!"

Als ich nach Hause zurück kam zeigte mir der Computerbildschirm die neuesten Nachrichten: "Fünf oder sechs aus Gaza durch Beschuss der israelischen Armee getötet und 35 verwundet, als Hunderte von PalästinenserInnen in Solidarität mit den BewohnerInnen der Westbank auf die Grenzzäune zumarschierten / Zusammenstöße in Hebron, Bethlehem und Beit El, von PalästinenserInnen als die schlimmsten seit Ausbruch der Aufstände beschrieben: 118 Verwundete / Messerangriffe in Jerusalem und Kiryat Arba, zwei leicht verwundet / Abgeordnete klagen an, dass Messerstecherin von Afula aus der Nähe erschossen wurde, wahrscheinlich durch mehrere Waffen, während sie ruhig dastand und keine Bedrohung darstellte / Racheattacke: Drei Palästinenser und ein Beduine wurden in Dimona mit einem Messer angegriffen, einer der Opfer rannte mit dem noch in seinem Rücken steckenden blutigen Messer durch die Straßen / Der jüdische Terrorist, der bereits psychisch auffällig geworden war, erklärte seine Attacke auf vier Personen, indem er sagte: "Alle Araber sind Terroristen" / Kommentar: "Wir wissen, wie es beginnt - niemand weiß, wie es enden wird" / Zusammenstöße in arabischen Städten in Israel...

Eine Nachricht darunter betrifft die von Meretz für morgen Abend angekündigte Demonstration vor der Residenz des Premierministers in Jerusalem: "Wieder ein gewalttätiger Angriff und schon gibt es einen weiteren: Das ganze Land steht in Flammen, aber statt die Verantwortung zu übernehmen, jammert die rechte Regierung und klagt die ganze Welt an - außer sich selbst. Seit sechs Jahren hängt die rechte Regierung an der Macht ohne den Bürgern Israels irgendeine Hoffnung, Vision oder einen Aktionsplan anzubieten. Seit sechs Jahren haben Netanyahu und seine Minister nichts anderes im Sinn, als Siedlungen, Annektierung, Aufwiegelung und brutale Gewalt. Kann noch irgendjemand so tun, als sei er überrascht, dass der Konflikt - von dem sie vorgeben ihn zu managen statt ihn zu lösen - uns nun um die Ohren fliegt? Samstagnacht um 20 Uhr werden wir uns vor der Residenz des Premierministers in der versehrten und schwer ächzenden Stadt Jerusalem versammeln. Er hat uns in diese Sackgasse geführt. Wir werden uns versammeln, um zu sagen, dass wir die Fortsetzung des Blutvergießens nicht akzeptieren, dass es Zeit ist den Kreislauf des Tötens zu beenden, dass wir genug haben von Gewalt und Aufwiegelung. Wir haben kein Interesse an Rache, da wir wissen, dass uns Auge um Auge nur blind macht. Der einzige Weg, um zu verhindern, einen Krieg nach dem anderen zu führen, und um es möglich zu machen, in diesem Land sicher zu leben, ist, ein Weg der Hoffnung und das beharrliche Bemühen um Frieden."

Der Schrecken geht weiter. Aber zumindest haben wir begonnen, dagegen zu kämpfen.


Adam Keller: To show that we care, that we do not give up. 9. Oktober 2015. Übersetzung: rf. Quelle: http://adam-keller2.blogspot.de/2015/10/to-show-that-we-care-that-we-do-not.html. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe November 2015



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