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Meine US-Uniform im israelischen Gefängnis
Connection e.V.
Internationale Arbeit für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure


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Meine US-Uniform im israelischen Gefängnis

von Tair Kaminer

Die Gefängnisuniformen in den israelischen Militärgefängnissen stammen alle aus US-Beständen. Ich frage mich, ob sich US-Soldaten, die diese einmal getragen haben, der Rolle ihres Landes bei der Besatzung bewusst sind und dieser ein Ende setzen wollen. Aber vielleicht ist Mr. Smith auch ein Opfer des Kapitalismus, des Rassismus und der Ungerechtigkeit, gegen die ich kämpfe.

 

Sehr geehrter Mr. Smith,

Sie kennen mich nicht, aber ich habe das Gefühl, dass wir uns sehr nahe sind. In den letzten 20 Tagen habe ich ihr Hemd getragen. Es war das Hemd, das Sie während Ihres Dienstes in der US-Armee trugen. Und jetzt kommt‘s: Ich sitze in einem israelischen Militärgefängnis. Und Ihre Uniformen, die hier im Militärgefängnis benutzt werden, wurden unserem Land von Ihrem geschenkt. Ja, es sind wirklich US-Uniformen, die wir tragen, die mit dem Tigermuster, die Uniformen der Marines. Und einige von ihnen tragen immer noch, aufgenäht auf der rechten und linken Seite, die Familiennamen der Soldaten. Dieses Mal bekam ich Ihr Hemd, auf dem Ihr Name immer noch auf der rechten Seite aufgenäht ist.

Ich möchte Ihnen berichten, warum ich im Gefängnis bin. Ich sitze hier, weil ich mich geweigert habe, Dienst in der israelischen Armee zu leisten, da ich gegen die Fortsetzung der Besatzungspolitik in den besetzten Gebieten bin. Ich bat darum, einen alternativen Dienst abzuleisten, aber sie lassen mich nicht. Dieses Mal im Gefängnis denke ich an Sie, weil die Uniform, die ich anhabe, Ihren Namen trägt. Ich frage mich, was Sie darüber denken, wie es für Sie ist, wenn ich Ihre Uniform trage?

Ich frage mich, wer Sie sind? Wie zu erwarten, stellte ich Sie mir zu Beginn als einen typischen Amerikaner vor, vielleicht etwas rundlich, ein Football-Fan und vielleicht haben Sie überhaupt keine Idee, was hier passiert. Sie sind sich vielleicht gar nicht bewusst, dass es zwischen Israelis und PalästinenserInnen einen sehr komplizierten und traurigen Konflikt gibt, dass es seit der Gründung dieses Landes schreckliche Kriege gab. Deshalb ist es mir wichtig, Ihnen darüber zu berichten. Ich trage schließlich Ihr Hemd.

Wir sind seit vielen Jahren in dieser Situation. Es ist ein Zustand, in dem es immer wieder Kriege gibt. Tausende Menschen auf beiden Seiten wurden aufgrund dieser Kriege getötet. Die PalästinenserInnen leben unter israelischer Besatzung. Das bedeutet für sie, dass ihnen die grundlegenden Lebensrechte verwehrt werden: Freiheit, Sicherheit und Würde. Die PalästinenserInnen, die unter einer enormen israelischen Militärpräsenz im Gaza-Streifen stehen, erleben zwei Mal im Jahr, dass die israelische Armee kommt und Orte zerstört.

Natürlich leiden auch die Israelis unter dieser Situation. Wir erleben einen traurigen Kreislauf, der von Jahr zu Jahr schlimmer wird. Seit Jahren leben BewohnerInnen ganzer Ortschaften in Israel in der Nähe der am Gaza-Streifen gelegenen Stadt Sderot damit, in Bunker zu rennen, um Raketenangriffen zu entgehen, täglich, nicht nur in Kriegszeiten. Enorme Teile der Bevölkerung, sowohl Soldaten wie auch Zivilpersonen, leben in Angst und mit einem Trauma.

Um es zusammenzufassen: Es ist hier nicht sicher, für niemanden. Und der Grund, warum dies etwas mit Ihnen zu tun hat, ist der, dass Ihre Regierung stark in diesem Konflikt involviert ist. Die Steuern, die Sie zahlen, werden zur Unterstützung dieser Kriege verwandt. Konkret heißt das: Wir erhalten ein „Sicherheits“-Budget und in Israel heißt „Sicherheit“ in Wahrheit „Besatzung“, eine Belagerung und eine Blockade der palästinensischen Bevölkerung. Das geschieht, so wird gesagt, natürlich für die Sicherheit der Israelis.

Ihre Regierung hat in dieser Frage sehr viel Macht und Einfluss. Man könnte sagen, dass Ihr Präsident diese Kriege managt. Ich bekam Ihr Hemd nicht zufällig. Ihr Land ist ein bisschen mehr an der Situation beteiligt, als nur alte Uniformen zu spendieren.

Nun, nachdem Sie die Situation kennen: Sind Sie dadurch beunruhigt, dass Ihre Kleider und Ihr Geld dazu benutzt werden, das palästinensische Volk unter Besatzung zu halten? Dass dies dazu beiträgt, dass es keine Sicherheit in Israel gibt? Können Sie mit diesem Wissen ruhig schlafen?

Tatsächlich stelle ich Sie mir etwas anders vor. Ich möchte daran glauben, dass Sie eine Person sind, die in ihrer Gesellschaft aktiv ist, einfach deshalb, weil es schön wäre, wenn die Person, deren Hemd ich trage, eine bedeutsame Rolle in ihrer Gesellschaft spielte. Und dass Sie sich des israelisch-palästinensischen Konfliktes bewusst sind, sogar einige Kritik an Israel haben. Und dass Sie auch wissen, dass sie nicht antisemitisch sind, nur weil sie gegen Besatzung sind und gewaltfreie Aktionen dagegen unterstützen, weil Israel tatsächlich Verbrechen begeht und es Ihnen als Weltbürger wichtig ist, nicht Ihren Namen dafür herzugeben und Sie auch betroffen sind, wie Ihr Geld benutzt wird. Das ist fantastisch! Aber ich frage mich, ob Sie diese Verbindung herstellen, zwischen dem, was in Ihrer Stadt oder Ihrem Staat passiert und was in Übersee passiert, wo wir leben. Weil auch wir, hier im Nahen Osten stark durch die Politik in den USA beeinflusst sind. Ich will das erklären.

Es ist sehr wichtig, Israel für das ganze Problem verantwortlich zu machen. Aber das ist nicht genug. Wie Sie sehen, wurde die Atmosphäre in Israel immer gewalttätiger, rassistischer und extremistischer. Unsere Regierung ist verantwortlich dafür. Aber Ihre Regierung setzt ihre Politik fort, meiner Regierung zu schmeicheln. Ich weiß, dass es ab und an Spannungen gibt. Ich weiß, dass Bibi manchmal einfach törichte Dinge im Verhältnis mit Euch macht. Aber am Ende des Tages gewähren Sie Schutz für diese Gräueltaten: eine inoffizielle Erlaubnis, die aber sehr bedeutsam ist. Deshalb: Es ist genug. Genug Kooperation. Genug an Geldmitteln für die Besatzung. Genug an Militärhilfen. Genug an scheinheiliger Beteiligung, die doch nur darauf zielt, den Status Quo aufrecht zu erhalten.

Ja, ich bitte Sie als eine Person, die Ihr altes Hemd trägt: Üben sie wenigstens etwas Druck in den USA aus und geben Sie Ihrer Regierung nicht einfach die Legitimation dafür, Verbrechen zu unterstützen, die hier geschehen.

Plötzlich trifft mich die Erkenntnis: Es könnte sein, dass Sie bereits gestorben sind. Ich meine, auch Sie sind ein Soldat, auch Sie haben an Feldzügen teilgenommen und vielleicht wurden Sie bei den Machtkämpfen getötet? Vielleicht haben Sie auch Ihr Leben verloren, weil Industriemagnate reich durch diesen Krieg wurden? Vielleicht hatten Sie eine Familie und Kinder, die zu Waisen wurden, weil irgend ein Schwein mehr Geld haben wollte? Er wollte mehr Waffen verkaufen, mehr Munition, er setzt wen auch immer unter Druck, nur damit der Krieg weitergeführt wird. Er dachte nicht an Ihre Mutter, die ihr Kind verlor, während er wahrscheinlich gerade dabei war, ein neues Auto zu kaufen. Er dachte nicht an Ihre Schwester, die ihren großen Bruder verlor, während er gerade Entscheidungsträger bestach, um noch reicher zu werden. Ich bin mir sicher, er dachte auch nicht an Ihren besten Freund, während er wahrscheinlich ruhig schlafen ging.

Entschuldigen Sie, Mr. Smith. Ich dachte gar nicht daran und jetzt fühle ich mich schlecht. Sie sind so wie viele PalästinenserInnen, viele Israelis: ein Opfer. Ein Opfer des Kapitalismus, der unsere Leben verkauft und ein Opfer der Rechten, die Diskriminierung zwischen uns schaffen und ein Opfer der Regierungen, die Rassismus säen und ein Opfer der Ungerechtigkeit.

So sitze ich hier auch für Sie im Gefängnis, Mr. Smith. Weil ich nicht willens bin an der Ungerechtigkeit teilzunehmen, die uns tötet und auch viele andere tötet. So danke ich Ihnen, Mr. Smith, dass Sie mit mir sind, mich bei meinem Kampf für eine bessere Welt begleiten, die hier sein könnte: Für unsere Kinder und auch für mich.


Tair Kaminer: My Marines‘ Uniform. In: The Independent, 12. Mai 2016. Übersetzung: rf. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe September 2016



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