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Israel: "Wir müssen den Teufelskreis durchbrechen"
Connection e.V.
Internationale Arbeit für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure
Israel: "Wir müssen den Teufelskreis durchbrechen"

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Die Broschüre ist vergriffen.


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Israel: "Wir müssen den Teufelskreis durchbrechen"

Interview mit Haggai Matar

Mitte September 2006, kurz nach dem Libanonkrieg, fragten wir den bei New Profile aktiven Haggai Matar nach seiner Einschätzung zum Krieg und Antikriegsaktivitäten. Er hatte im Jahre 2002 den Kriegsdienst verweigert und war deswegen fast zwei Jahre in Haft. (d. Red.)

Der Einmarsch der israelischen Truppen in den Libanon hatte viele überrascht. Welche Gründe hatte Deines Erachtens die israelische Regierung dafür?

Es ist schwierig, die wirklichen Gründe für den Krieg zu benennen. Sicher ist es eine Lüge, dass mit dem Krieg die gekidnappten Soldaten befreit werden sollten. Auch der später genannte Grund, die Hisbollah zu vernichten, war vorgeschoben. Beide Ziele können nicht durch einen Militäreinsatz gelöst werden. Ein Weg wäre die Freilassung von Gefangenen gewesen, so sitzen in Israel über 10.000 PalästinenserInnen ein, die wie die Soldaten gekidnappt wurden.

Der Krieg gegen den Libanon ist auch nicht geführt worden, weil die USA oder die Waffenhändler ihn wollten oder aufgrund der politischen und ökonomischen Interessen der USA. Das mag zwar alles eine Rolle gespielt haben, aber letztlich ist eine der wesentlichsten Gründe die Militarisierung der israelischen Gesellschaft. Die Israelis denken, dass die Armee notwendig sei, sie alles tut, um das Leben der Bevölkerung zu schützen. Und die Armee hat selbstverständlich das Interesse, diese Macht zu behalten und unter Beweis zu stellen.

Sieht die israelische Bevölkerung nur noch Krieg als Lösung?

Die Menschen haben das Gefühl, es gäbe keine andere Wahl - das Ergebnis jahrzehntelanger Besetzung. Man tut alles, damit es auf der palästinensischen Seite keine Gesprächspartner gibt. So scheint es nur noch den militärischen Weg zu geben, um die Probleme zu lösen. Es sind keine Ansätze für Verhandlungen zu sehen, weder mit den Palästinensern noch mit den Libanesen, den Syrern oder wem auch immer.

Wie konnte sich dieses Gefühl so sehr durchsetzen?

Ich will ein Beispiel dafür geben: Seit Beginn der ersten Intifada begann ein Prozess der Separation von Israelis und PalästinenserInnen. Einer der wichtigsten Effekte von Blockaden und der Ausgrenzung der PalästinenserInnen war, dass heute die meisten jungen Leute niemals Menschen von der anderen Seite getroffen haben, also fast alle, die noch keine 29 Jahre alt sind. Junge Israelis kennen über die Medien nur die Hamas, die Selbstmordattentäter usw. Das Gleiche gilt für die PalästinenserInnen. Das einzige, was sie von Israel kennen, sind Soldaten und Siedler. Sie kennen nur das alltägliche Leben unter der Besatzung. Klar, dass beide Seiten nicht an die Möglichkeit von Gesprächen glauben.

Und diese Politik wird fortgesetzt. Israel ist sehr von der Ideologie beherrscht, dass die Teilung eine Lösung sei. Sie wurde im Falle des Gazastreifens umgesetzt, das faktisch zu einem riesigen Gefängnis wurde. Kaum jemand kommt noch herein oder heraus und Israel setzt die Zerstörungen und Bombardierungen fort. Das ist auch schon in Teilen der Westbank geschehen, wo Israel entschieden hat, wie die neuen Grenzen auszusehen haben, wo die Trennungsmauer, die Apartheidmauer, errichtet und damit den PalästinenserInnen erneut Land genommen wird. All das bedeutet größere Armut, mehr Hass und eine Radikalisierung innerhalb der palästinensischen wie der israelischen Gesellschaft.

Welche Möglichkeiten siehst Du, dies aufzubrechen?

Ich hoffe, dass sich Israelis und PalästinenserInnen treffen und Alternativen zur Politik der Trennung entwickeln. Wir versuchen Kontakte aufzubauen, z.B. über die gemeinsamen Demonstrationen, die in palästinensischen Dörfern gegen die Mauer durchgeführt werden.

Auch die Kriegsdienstverweigerung ist ein sehr mächtiges Werkzeug, um Solidarität zu vermitteln. Als ich gemeinsam mit vier anderen Verweigerern im Gefängnis war und PalästinenserInnen davon hörten, war das eine Brücke der Solidarität. Wir erhielten Dutzende von Briefen, in denen sie z.B. schrieben: "Das ist das erste Mal, dass wir von solchen Israelis hören. Das gibt uns Hoffnung und stärkt unsere Überzeugung, dass möglicherweise Gewalt nicht die Lösung ist und wir etwas zusammen tun können." Das ist ein Ansatz für Kooperation. Nur damit können wir den Teufelskreis von Militäreinsatz und Hass durchbrechen.

Beeindruckend war auch eine Erfahrung, die ich bei der Organisation eines Sommercamps gemacht habe. Dazu waren Jugendliche aus dem ganzen Land eingeladen, die zwischen 14 und 19 Jahre alt sind. Die ganze Zeit über waren mehr als 100 TeilnehmerInnen in den Arbeitsgruppen und auf den Veranstaltungen. Die Jugendlichen diskutierten über die Besatzung, Globalisierung, Ökonomie, Ökologie oder Feminismus. Am Ende kamen TeilnehmerInnen zu mir und sagten: "Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass mir jemand zuhört." Das war für sie wirklich ein neues Erlebnis und viele entschieden sich, aktiv zu werden: zu verweigern, in die besetzten Gebiete zu gehen oder in anderen Gruppen mitzuarbeiten.

Wie können die Friedensaktivitäten aus dem Ausland unterstützt werden?

Wer stark genug ist, kann sich an der International Solidarity Movement beteiligen und in die Dörfer in Palästina gehen, um dort den gewaltfreien Widerstand gegen die Mauer und die Besatzung zu unterstützen.

Eine andere Möglichkeit wäre, die Gruppen zu unterstützen, die sich für Verweigerer einsetzen, gemeinsam mit PalästinenserInnen arbeiten oder sich an gemeinsamen Demonstrationen beteiligen. Bei Verweigerern ist es möglich, ihnen Briefe zu schreiben. Die Gruppen brauchen aber auch finanzielle Unterstützung.

Zudem ist es sinnvoll, in Deutschland gegenüber der Regierung daran zu arbeiten, endlich Druck auf Israel auszuüben, bezüglich der Pläne in der Westbank oder zur Durchsetzung eines Waffenembargos.


Interview mit Haggai Matar. Das vollständige Interview erschien in Analyse und Kritik, 15.9.06. Der Beitrag erschien in: Connection e.V. (Hrsg.): Broschüre "Israel: Stimmen für Frieden und Verständigung - Kriegsdienstverweigerung und Antikriegsarbeit", November 2006.Wir danken für die finanzielle Förderung durch den Katholischen Fonds, den Evangelischen Entwicklungsdienst (EED), dem Bildungswerk Hessen der DFG-VK, dem Fonds der EKHN "Dekade zur Überwindung der Gewalt" und Brot für die WeltDie Broschüre ist vergriffen.



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