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Militärdienst und Männlichkeit in der Türkei - Teil II
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Militärdienst und Männlichkeit in der Türkei - Teil II

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Militärdienst und Männlichkeit in der Türkei - Teil II

"Bizim Bülent simdi komando" - "Unser Bülent ist jetzt ein Kommando"

Zum Teil I des Beitrages "Militär und Männlichkeit"

Der aktuelle Zusammenhang

Seit dem Beginn der systematischen Militärangriffe auf den kurdischen Nationalismus, die ernsthaft Mitte der 80er Jahre mit den Bemühungen des türkischen Staates begannen, den von der neu-formierten Guerillaarmee und den Kommandostrukturen der PKK geführten bewaffneten Kampf auszuschalten, hat der Militärdienst eine Dimension erhalten, die er zuvor nicht hatte, obwohl es frühere Erfahrungen mit Krieg und Kampfsituationen gegeben hat (in Korea von 1950-53 und in Zypern 1974). Dass der kurdische Nationalismus unter der kurdischen Bevölkerung der Türkei eine wesentlich längere Geschichte hat und nicht erst mit der PKK begann, wurde an anderer Stelle in aller Ausführlichkeit dargestellt.22 Während der 80er und 90er Jahre wurde die türkische Armee stark umgestaltet, um einen umfassenden Krieg in großen Regionen des Südosten des Landes zu führen und auch weit darüber hinaus, zumindest im Norden Iraks, wo Truppeneinheiten regelmäßig großangelegte Vorstöße durchführen.

Es wird allgemein davon ausgegangen, dass unter den geschätzten 525.000 Wehrpflichtigen, die zur gleichen Zeit in der Armee sind23, 40 Prozent ihren Dienst, oder einen Teil ihres Dienstes, in den "Krisenregionen" ableisten.24 Über 200.000 Wehrpflichtige pro Jahr haben also in dieser Region Dienst abgeleistet. Ein Teil von ihnen wird verschiedene Arten davon in Form von "Operationen? gegen die Guerillas der PKK und einige wenige andere nationale und linke Organisationen, die sich ebenfalls am bewaffneten Kampf beteiligen, erlebt haben; und auch gegen eine riesige Zahl von Zivilpersonen, die verdächtigt wurden, PKK-Angehörigen Unterschlupf zu gewähren oder den vielen Tausenden - sogar Hunderttausenden - die durch die Räumung von Dörfern und der Entvölkerung der Region betroffen waren, was durch verschiedene BeobachterInnen und internationale Menschenrechtsorganisationen als systematische Politik bestätigt wurde.

Neben den Einheiten der regulären Armee, der Jandarma und den Spezialteams, die in der Taktik der Kontraguerilla im bergigen Terrain ausgebildet wurden, führte die türkische Armee auch ein System der Rekrutierung von Dorfbewohnern ein, mit dem Ziel, sie von der aktiven Unterstützung, der Schutzgewährung oder Lebensmittelversorgung der PKK-Guerillas abzuhalten. Einige folgten dem bereitwillig, andere sahen sich Druck ausgesetzt, dem "Dorfschützer"-System (korucu) beizutreten. Angeblich wird ihnen der Schutz der Armee zur Verfügung gestellt sowie Waffen und Geld, wenn sie sich bereit erklären, die Aktivitäten der PKK zu beobachten und - nach Aufforderung - an "Operationen" der Armee teilzunehmen. Es muss nicht extra betont werden, dass allein die Existenz des "Dorfschützersystems" Vergeltungsaktionen der PKK gegen die Dörfer, die die "falsche" Seite wählten, provoziert. Da es aufgrund der in der Türkei vorherrschenden Bedingungen, mit starker Zensur auf allen Ebenen, extrem schwierig geworden ist, die ganze Situation, in der der Krieg geführt wird, zu untersuchen, wird das Aufzeichnen der "Geschichte" der letzten fünfzehn Jahre viele Jahre in Anspruch nehmen.25

Während in der ersten Hälfte der 90er Jahre durch staatliche und private Fernsehsender und über die Printmedien regelmäßig gefangengenommene "lebende" Guerilleras und Guerilleros zur Schau gestellt wurden - mit gesenkten Köpfen und vor ihnen festgebundenen Händen, "erniedrigt" durch die hinter ihnen aufgestellte türkische Flagge und ihre Waffen vor ihnen liegend - wie auch von Leichen von Guerillers und Guerilleros, die "tot ergriffen" wurden (ölü ele gecirildi im offiziellen Sprachgebrauch, übersetzbar als "übergeben/tot ergreifen") gibt es eine klare Bewegung weg von dieser triumphalen Berichterstattung. Stärkere Einschränkungen der Berichterstattung von JournalistInnen über die Kriegsregion scheinen dazu geführt zu haben, dass es im Allgemeinen eine totale "Verdunklung" gibt, mit Berichten, die wesentlich strenger kontrolliert werden und alle Anzeichen dafür tragen, dass wenig mehr als die verkürzten und ausgewählten Inhalte der von der Armee herausgegebenen Pressemitteilungen veröffentlicht werden. Weiterhin werden im Fernsehen Begräbnisse von Soldaten gezeigt, die im aktiven Dienst starben, von denen beständig als Märtyrer (sehit) gesprochen wird. Die "Terroristen" selber sind aber fast vollständig von der Szene verschwunden. Ohne genau die Gründe für die Veränderung der Berichterstattung über den Konflikt zu kennen, lässt sich annehmen, dass die Brutalität des Stils als dem Zweck widersprechend erkannt wurde. Unter anderem scheint ein möglicher Grund, der mit einer bedeutenden Veränderung der Militärstrategie seit 1992 zusammenhängt, zu sein, dass auch begonnen wurde, über einige Beispiele von Amtsmissbrauch und Gräueltaten zu berichten, die von den "Spezialteams" (Özel tim) begangen wurden. Eine Reihe von Fotografien, die Soldaten neben abgetrennten Köpfen von Guerilleras und Guerilleros posierend zeigten, erreichten die internationale Öffentlichkeit, als sie in der Zeitung "The European" erschienen.

Während die Wirkung des Krieges auf junge Guerilleros und Guerilleras und ihre Familien und Gemeinschaften kaum von der türkischen Presse wahrgenommen und aufgrund der starken Zensur und dem eingeschränkten Zugang falsch dargestellt wird26, wurde die Wirkung auf Wehrpflichtige, Offiziere und ihre Familien nicht verschleiert. Regelmäßig werden Begräbnisse von "Märtyrern" und PolitikerInnenbesuche in Rehabilitationszentren von physisch und psychisch behinderten Kriegsveteranen gezeigt (bekannt unter dem ehrenhaften Titel "gazi", Kriegsheld). Diese traumatischen Bilder haben neben dem vollständigen Fehlen von Informationen über den Krieg in den türkischen Medien dazu geführt, dass die türkische Öffentlichkeit im Allgemeinen über die damit verbundenen Themen schlecht informiert ist. Es gibt Anzeichen dafür, dass die offizielle Linie, die vor den Gefahren des Separatismus und der Anwesenheit von internen und externen Feinden warnt, weithin akzeptiert wird und sogar den größten Teil der Bevölkerung eingeschüchtert hat, so dass sie den Themen der Verletzung von Menschenrechten und der Idee von Minderheitenrechten, die die rigiden Argumente türkischer Nationalisten und die Praktiken der "Sicherheitspolitik" in Frage stellen könnten, mit williger Ignoranz begegnet.

Um der negativen Wirkung der Begräbnisse und Bilder von traumatisierten weiblichen Angehörigen entgegen zu wirken, die vor Schmerz neben den Gräbern ihrer Söhne zusammenbrechen, begannen einige staatliche und private Fernsehsender regelmäßig "Mehmetcik"-Programme zu senden, im Stil von TRT: Hand in Hand mit dem kleinen Mehmet (Mehmetcikle Elele). Mit dem Ziel die Moral zu fördern, werden Veranstaltungen gezeigt, auf denen Wehrpflichtigen von klatschenden SängerInnen gratuliert wird und die ermutigt werden, ihr Ziel der Verteidigung der Nation weiter zu verfolgen. Es gibt Szenen, wo sie stolz, mit einem Lied in ihrem Herzen und einem Lächeln in die Kameras, ihre Ausbildung absolvieren. Es scheint unwahrscheinlich zu sein, dass Programme mit solch einer vorhersehbaren Botschaft und so gezwungener Fröhlichkeit eine hohe Einschaltquote haben könnten. Die Unbeholfenheit der Übung und die Szenen von Hunderten von Gesichtern, bei denen Jugend und Unerfahrenheit vielleicht der bemerkenswerteste Aspekt des Spektakels ist, scheint nicht die unwiderstehlichste Art und Weise zu sein, dem Zuschauer moralische Überzeugungen für eine Sache zu vermitteln.

Vielleicht wird der letztendliche Erfolg der Armee, die Reaktionen des größten Teils der Bevölkerung zu kontrollieren und Zustimmung herbeizuführen, in dem Mangel an Kritik gegenüber der Armee offensichtlich, den sogar diejenigen zeigen, die ihre wehrpflichtigen Söhne verloren haben. In der Tat begannen die Angehörigen der Märtyrer (sehit yakinlari) mit dem Verfahren gegen den Führer der PKK, Abdullah Öcalan, bei jeder Gelegenheit systematisch organisiert zu werden und Anti-PKK-Gefühle zu äußern - insbesondere im Gerichtssaal, wo einige der sehit-Familien während des Prozesses gegen Öcalan saßen.27 Das in den 90er Jahren steigende Interesse an Verwandten (insbesondere Mütter) von Soldaten, die bei Einsätzen starben, ist wohl in gewisser Weise auch ein Versuch, der Sichtbarkeit der durch die Samstagsmütter (Cumartesi Anneleri) geführten Kampagne von Verwandten und Freunden der "Verschwundenen", die auf der Kampagne der argentinischen Mütter des Plaza de Mayo basiert, entgegenzuwirken. Die Samstagsmütter wurden schließlich von der türkischen Polizei und den Gerichten als eine Front der "separatistischen" Aktivitäten behandelt.28 In dem Bild der Mutter, die über den Tod ihres Sohnes trauert, sollte als Reaktion und Effekt in der türkischen Gesellschaft (wie auch an anderen Orten) die Besitzergreifung für politische Ziele herausgestellt werden. Das Bild einer Mutter, die über den Tod ihres Sohns trauert, erzeugt in der türkischen Gesellschaft (wie auch an anderen Orten) Schwingungen und Wirkungen, die sich leicht für die Erreichung politischer Ziele aneignen lassen.

Es sollte hier wieder einmal angemerkt werden, dass soziale Unterschiede in der Türkei entscheidend sind, wenn es um das Ausnutzen von Mechanismen geht, um sicherzustellen, dass ein junger Mann nicht in die Kriegsgebiete geschickt wird und seinen Dienst an einem gefahrlosen Ort und in einer Position leistet, die risikolos ist. Nicht überraschend ist es, dass von denjenigen, die Macht oder Zugang zu Institutionen der Macht haben (über Armeepersonal, PolitikerInnen und anderen) gesagt wird, dass sie gewöhnlich diesen Einfluss (torpil) nutzen, um die Sicherheit für ihre männliche Angehörigen zu erreichen.

Um zum Thema Militärdienst zurückzukehren, und den trostlosen Eindruck zu korrigieren, dass kritische Stimmen überhaupt keinen Einfluss haben, möchte ich mich nun einigen bedeutenden Bemühungen der letzten Zeit zuwenden, die darauf abzielen, die Frage des Einflusses des Krieges auf die schätzungsweise 40 Prozent der Wehrpflichtigen, die den aktiven Dienst kennen gelernt haben, zu thematisieren und die Wehrpflicht in Frage zu stellen.

Der Verein der KriegsgegnerInnen Izmir (Izmir Savas Karsitlari Dernegi) wurde im Februar 1994 mit dem Ziel gegründet, "den Krieg, Militarismus und Rassismus durch die Förderung einer pazifistischen und freien Kultur statt der (vorherrschenden) Kultur einer rassistisch-militaristischen Hegemonie zu bekämpfen"29. Er folgte dem zuvor seit Dezember 1992 bestehenden Verein der KriegsgegnerInnen (Savas Karsitlari Dernegi), der aber im November 1993 verboten wurde. Im Zentrum beider Organisationen stand die Kampagne, die Anerkennung des Rechts auf Kriegsdienstverweigerung (vicdani red) durchzusetzen und die Männer zu unterstützen, die einberufen wurden, aber deswegen jeden Dienst verweigerten. Der Fall, der die Kriegsdienstverweigerung wirklich in die Öffentlichkeit brachte, war der von Osman Murat Ülke. Schon 1992 wurde aufgrund eines veröffentlichten Artikels ein Verfahren nach Artikel 155 des türkischen Strafgesetzbuches eröffnet, der die "Distanzierung des Volkes vom Militär" (hali askerlikten sogutma) unter Strafe stellt. Ülke zufolge war es diese Geschichte, die ihn dazu veranlasste, sich selbst den Schwerpunkt "Militärdienst" zu setzen und die Entscheidung zur Verweigerung zu treffen, gemeinsam mit einer Gruppe von Mit-Verweigerern (Freunden). Er tat dies in dem Bewusstsein, dass es zu dieser Zeit in der Türkei "weder eine Bewegung zur Kriegsdienstverweigerung, noch irgend eine andere Art von antimilitaristischer Organisation" gab. Vielleicht waren die einzigen Ausnahmen dazu die Anzeigen, die 1990 von zwei Männern in der Zeitung "Sokak" veröffentlicht wurden, von Tayfun Gönül, und einige Wochen später von Vedat Zencir, worin sie sich als Verweigerer erklärten. Zencir wurde nach Artikel 155 angeklagt und freigesprochen. Im Rückblick auf die anfängliche Entscheidung, eine Kampagne zu starten, merkt Ülke in einem späteren Interview an: "Tatsächlich waren wir sehr ängstlich, weil wir, als eine Handvoll Leute, die am Rande der Gesellschaft standen, erschienen und eine Erklärung dieser Art keine öffentliche Aufmerksamkeit zur Folge hatte. Wir dachten, dass wir möglicherweise sogar "verschwinden" würden. Wir waren zu dieser Zeit selbstverständlich etwas naiv."30 Es sollte hier ergänzt werden, dass eine antimilitaristische Kultur bei den Linken vollkommen fehlt: für viele nimmt der bewaffnete Kampf - wenn nicht in der Praxis, so auf der Ebene der Diskussion - einen zentralen Platz ein. Pazifistisch-anarchistische Gruppen sind historisch gesehen in der Türkei völlig unbedeutend gewesen. Dies muss sogar bei denjenigen zu den Schwierigkeiten bezüglich der Frage der Anerkennung der Kriegsdienstverweigerung beigetragen haben, die der Behandlung der kurdischen Frage durch den türkischen Staat und die der harten Linie der Sicherheitspolitik im Südosten kritisch gegenüberstehen. Aus diesen Gründen und wegen der strafrechtlichen Sanktionen blieb die Arbeit der Izmirer Gruppe eine eingeschränkte Kampagne.

Es war überhaupt keine bis zu dem Zeitpunkt, als Ülke das Prinzip der Kriegsdienstverweigerung durch eine Pressekonferenz am 1. September 1995 an die Öffentlichkeit brachte. Dabei verbrannte er seine Einberufungspapiere und erklärte seine Kriegsdienstverweigerung. Dadurch wurde die Kampagne sichtbar. Ülke wurde ein Jahr später verhaftet, verurteilt und inhaftiert. Er sah sich verschiedenen Verurteilungen wegen unterschiedlicher Vergehen ausgesetzt. Der "Izmir Savas Karsitlari Dernegi" wurde anschließend verboten. Vedat Zencir, der oben erwähnt wurde, wiederholte seine Verweigerungserklärung am 1. Dezember 1997 und wurde anschließend wegen drei Artikeln des Strafgesetzbuches (155, 312 und 159) angeklagt, aber in allen Punkten freigesprochen.

Der einzig verurteilte Kriegsdienstverweigerer, Ülke, verbrachte insgesamt zweieinhalb Jahre im Gefängnis und wurde am 9. März 1999 freigelassen. Er setzte seine Arbeit für den Antimilitarismus und zur Unterstützung der anderen Kriegsdienstverweigerer (gegenwärtig 30 Personen) fort. Seit seiner Freilassung hätte er aber offiziell selbst in die Kaserne gehen und sich zur Ableistung des Dienstes melden müssen. Deswegen sieht er sich der Möglichkeit ausgesetzt, zu jeder Zeit wieder als Deserteur, der der Einberufung nicht nachgekommen ist, verhaftet werden zu können. In seinen Worten: "Das heißt, dass es im Moment keinen Weg für einen Kriegsdienstverweigerer gibt, diesen Teufelskreis zu durchbrechen."31

Der Verein der KriegsgegnerInnen sah sich aufgrund des Umstands, dass Kritik an den bewaffneten Streitkräften und Aktionen des Zivilen Ungehorsams (sivil itaatsizlik) gegen das Militär, strafbare Handlungen sind, einer schwierigen Kampagne gegenüber. Es wurden aufgrund einer großen Zahl von Artikeln des Strafgesetzbuches und des Militärstrafgesetzbuches Anklagen erhoben.32 Die Frage der Kriegsdienstverweigerung allein ist kein Grund für eine strafrechtliche Verfolgung. Da diese Kategorie aber nicht anerkannt ist, führen Aktivitäten aufgrund oder infolge der Kriegsdienstverweigerung (z.B. nicht auf die Einberufung zu reagieren) zur strafrechtlichen Verfolgung.33

Da diese Kampagne eine fundamentale Änderung des verfassungsmäßigen Verständnisses der Pflichten und Verpflichtungen eines männlichen Bürgers der türkischen Republik bedeutet, machen die von dem Verein thematisierten Fragen eine neue Konzeption dessen erforderlich, was das für Männer im gegenwärtigen Zusammenhang bedeutet. Es kann argumentiert werden, dass mit einer Infragestellung des Gesetzes auch eine Infragestellung des Militärdienstes als eine soziale Instanz zur Sanktionierung dessen einhergeht, was einen Mann ausmacht oder wie man Männlichkeit erlangt. Die Richtungen und Möglichkeiten sind aber weit davon entfernt, klar zu sein.

Im April 1999 gab es eine Herausforderung anderer Art für die Institution Militär, in Form eines Buches, das 42 Zeugnisse von Männern enthielt, die ihren Dienst im Südosten der Türkei abgeleistet hatten. Nadire Mater, eine Journalistin, die dieses Thema seit einigen Jahren bearbeitet hatte, sammelte sie und gab ihre Interviews unter dem Titel "Mehmets Buch: es sprechen Soldaten, die im Südosten gekämpft haben"34 heraus. Mit dem Bruch des fast vollständigen Schweigens über diese Themen mittels persönlicher traumatischer und erschütternder Erzählungen, gab es selbstverständlich eine Wirkung. Das erschließt sich schon durch die Tatsache, dass es in den ersten zwei Monaten nach der Veröffentlichung des Buches vier Nachdrucke und in den Medien eine positive Berichterstattung darüber gab. Während andere Bücher und Berichte von Menschenrechtsorganisationen ihren Schwerpunkt auf die Wirkung des Krieges gegenüber der Zivilbevölkerung gelegt hatten35, trug die Betonung in Maters Buch zu einer anderen Perspektive bei, indem es zeigte, dass die Wirkung auf die türkische Gesellschaft auch als eine des Traumas (Kriegssyndroms), das junge aus den Kriegsgebieten zurückkehrende Wehrpflichtige erleiden, verstanden werden müsse. Die Ablehnung des heroischen Bildes eines Soldaten, die Desillusionierung über die Institution und Kultur des Militärs, das Gefühl für die Sinnlosigkeit der Fortführung eines Krieges im Südosten des Landes und die Einstellung zur kurdischen Bevölkerung, das sind Themen, die sich durch die Erzählungen derjenigen ziehen, die über ihre eigenen Erfahrungen sprechen. Die Unfähigkeit, sich nach dem Militärdienst und unbehandelten Posttraumatischen Stress-Störungen36 wieder ins (zivile) Leben hineinzufinden, bestätigt eine Seite des Krieges, dessen öffentliche Erörterung durch mächtige politische und soziale Sanktionen verboten war. Die meisten dieser Männer räumen auch ein, dass es ihnen vollständig unmöglich gewesen sei, über ihre erschütternden Erfahrungen mit Freunden oder Angehörigen zu reden.

Wenn man die nationalistische und propagandistische Sichtweise des Krieges in Betracht zieht, die von den verschiedenen Teilen des Staates, der Regierung, Medien und in alltäglichen Lebenssituationen mit einer Mischung aus Angst und erzwungener Zustimmung zu einer Kultur des autoritären Nationalismus, die im Allgemeinen gebilligt wird, bewahrt wird, ist es keine Überraschung, zu erfahren, dass das Buch mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist und zur Zeit, wo dieser Artikel geschrieben wird, die Autorin und Herausgeberin nach Artikel 159 Absatz 1 des Strafgesetzbuches wegen "öffentlicher Beleidigung und Schmähung der miIitärischen oder polizeilichen Streitkräfte des Staates? (orduyu tahkir ve tezyif etmekten) strafrechtlich verfolgt wird.37

Während die Izmirer Kampagne sicherlich die vorherrschende militärische Kultur herausgefordert hat, ist Maters Buch auch dadurch bedeutsam, dass es das Tabu gebrochen hat, über dieses Thema zu sprechen. Dennoch scheint die Verbindung zwischen Militärdienst und Männlichkeit in der Türkei dauerhaft zu sein, wenn man die Schwierigkeiten der antimilitaristischen Kampagne bedenkt, in der gegenwärtigen Situation zu einer breiteren sozialen Bewegung zu werden. Vielleicht hebt dieser Artikel alle Probleme hervor, eine Diskussion über Männlichkeit in diesem Falle in Gang zu halten, ohne ständigen Verweis auf die Arbeit der verschiedenen Teile des Staates zuzüglich gesetzlicher Sanktionen und der politischen Kultur der türkischen Gesellschaft. Damit die Schlussfolgerung, die ich ziehe, nicht rein sozial-deterministisch bleibt, kehre ich nun zur Betrachtung der Begegnung zwischen Militär und dem Individuum zurück, dessen Sexualität und dessen Loyalität zur Nation nach Auffassung der wichtigsten populären Presse in Frage steht.

Der Popstar Tarkan kehrte im Januar 2000 aus Frankreich in die Türkei zurück, um seinen einmonatigen Militärdienst abzuleisten, wie es entsprechend der Regelung des Militärs durch Freikauf möglich ist. Tarkan, wie Tausende von anderen, hatte die Einberufung ignoriert und keine legalen Gründe zur Zurückstellung. Unter der Führung von Ahmet Ertegün, dem legendären türkischen Mitbegründer von Atlantic Records in den späten 40er Jahren und dem Förderer von einigen Größen der Rhythm and Blues und später Soul und Rock in den Vereinigten Staaten, begann der 27 Jahre alte Sänger kürzlich auf internationaler Ebene "vermarktet" zu werden und hat nun eine wachsende Gefolgschaft in anderen Ländern des Nahen Ostens und in Europa. Tarkans Identität als Künstler wurde zunehmend in der Werbung durch einen androgynen Stil dargestellt, der mit leichtem Herzen dem Hedonismus Form gibt und einem Sex-Appeal, der deutlich auf beide Geschlechter zielte. Im größten Teil der türkischen Presse hat dies sofort zu großen Spekulationen über seine Sexualität geführt: Andeutungen, dass er schwul sei, wurden mit einem groben Verständnis von Homosexualität als abweichend, weibisch, "andersartig, fremd und ausländisch" vermengt, die eben keinem türkischen Mann gut zu Gesicht steht.

Über die Ankunft von Tarkan wurde völlig aufgeblasen berichtet. Endlose Spekulationen über seine Sexualität hinderten ihn nicht daran, ein Star mit einer großen Fan-Gemeinde zu sein. Er wurde vom Atatürk Flughafen in Istanbul zu einer Polizeistation eskortiert - vermutlich eine Routine, mit der Absicht, alle daran zu erinnern, dass er ein Militärdienstentzieher ist. Er wurde nicht verhaftet und verließ kurze Zeit später die Polizeistation. Dicht von der Presse verfolgt, wurde der Sänger von einem Fernsehreporter beim Eintritt in die Polizeistation gefragt, was seine Worte an die Fernsehzuschauer wären. "Wie glücklich ist der, der sagt ’Ich bin ein Türke’" (Ne mutlu Türküm diyene) war die Antwort mit einem halb-satirischen, halb betretenen Lachen, papageienhaft wiederholend den Spruch von Atatürk, der auf öffentlichen Denkmälern zu finden ist und in jeder Klasse im Land gelernt wird. Von der Gegenseite des Gebäudes hatten sich Anhänger der MHP versammelt um Tarkan zuzurufen: "Jeder Türke ist als Soldat geboren" (Her Türk asker dogar), "die Pflicht für das Vaterland ist eine Ehrenpflicht, die Märtyrer sterben nicht, das Heimatland wird nicht geteilt werden" (Vatan borcu namus borcu, sehitler ölmez vatan bölünmez). Es gibt wenig Zweifel, dass es in diesem aufgeheizten Klima für einige in ihrem feierlichen Glauben klar war, dass Tarkans Militärdienst die Erfüllung einer überfälligen Schuld war. Dahinter stand, dass er nun zu beweisen habe, dass er kein Verräter war. Das Fragezeichen, dass über seiner Sexualität hing, wog schwer. Tarkans kosmopolitischer und schwuler Männlichkeit wurde sozusagen eine türkische, militaristisch übersteigerte, Version des nationalistischen "richtigen Mannes" entgegengesetzt.

Tarkan selbst benutzte den künstlerischen Aspekt der Selbstveränderung zu einem Soldaten in dem Konzert, dass er einige Tage vor dem Dienstantritt in Istanbul gab: in der Mitte der Show verschwand er von der Bühne, um mit einem kurzen Soldatenhaarschnitt wieder aufzutauchen und einem Aussehen, dass die Armee andeutete. In diesem neuen Gewand setzte er das Konzert, wie immer, mit seiner kräftigen Betonung des ungehemmten Tanzes fort. Die einen sehen die Geste in ihrer Verspieltheit und Bedeutung einer Schwulenparodie als das Vom-Sockel-Stoßen und Karikierung des Stereotyps des Macho in Uniform. Andere sehen darin den Beweis einer gewissen Anpassung an die vorherrschenden kulturellen Codes des Militärdienstes und der Pflicht gegenüber der türkischen Nation. Für das Publikum hatte es ohne Zweifel beide Bedeutungen, aber die Slogans, die im Moment seines Erscheinens im veränderten Zustand gerufen wurden und die Flaggen, die geschwungen wurden, legen nahe, dass die Reaktion auf Tarkans Geste in diesem Zusammenhang (Istanbul, nicht New York City) und zu dieser Zeit besser durch die zweite Sichtweise erklärt werden können, als durch die erste.

Ich möchte nicht behaupten, dass das Schicksal eines Popstars verallgemeinert und als die gültige Erfahrung anderer Männer dargestellt werden kann, Selbstverständlich nicht, da Künstler und Schauspieler einen außergewöhnlichen Platz innehaben, insbesondere in sozial-konservativen Ländern des Nahen Ostens. Sie können im Gegensatz zur Mehrheit bis zu einem gewissen Grad soziale Regeln verspotten. Dennoch ist es interessant, hier anzumerken, dass sogar diejenigen, die die herrschenden kulturellen Normen in Bereichen wie der Sexualität und die beharrlich bestehende Idee einer Maßstäbe setzenden Heterosexualität karikieren und "umstoßen", dies nur in bestimmten Zusammenhängen tun können. Es gibt viele männliche Fernsehmoderatoren, Showmaster und Sänger in der Türkei, deren Vorstellungsform schwul geprägt ist oder zumindest klar der konventionellen männlichen Heterosexualität widerspricht.38 Dennoch, wenn eine Kampfansage gegen die Maßstäbe setzende männliche Identität die von ihr durch die Institution des Militärs geförderten Regeln herausfordert, wird die Position des Militärs als Ort der vorherrschenden kulturellen Werte, mit Verweis auf die Bedeutung gewalttätiger Sanktionen, sehr offensichtlich. Der Raum und die Möglichkeit für die Übertretung ist stark eingeschränkt.

So wird dann der Status quo wieder hergestellt, und der Vormachtstellung der Männlichkeit gelingt es wieder einmal, durch die weitgehende Akzeptanz in der Praxis und den Gesprächen im alltäglichen Leben des größten Teils der Bevölkerung und durch die institutionelle Durchsetzung auf vielen Ebenen, einen Sieg zu erringen. Tarkans Mutter vergoss Tränen, als sie ihren Sohn und seine Einheit beim Sprechen der Eidesformel, wonach sie ihre Leben für die türkische Nation lassen, sah und erklärte, dass dies ein sehr stolzer Moment für sie sei. Die Vorstellungen einer exemplarischen Männlichkeit können also, das sollten wir nicht vergessen, auch durch Frauen verstärkt werden.

Schlussfolgerungen

Obwohl essentialistische Annahmen, dass Männer von Natur aus oder notwendigerweise zur Gewalt neigen und damit dem Militär näher stehen als Frauen, durch viele AutorInnen über geschlechtsspezifische Themen gründlich angefochten worden sind, ist es wert, kurz darauf zurückzukommen. Essentialistische Argumente basieren oft auf der Akzeptanz, dass die durch den Staat sanktionierten Instrumente und die Maschinerie der Zwangsmittel männlich dominiert sind (und soziale Billigung finden) und sich daher Männer "natürlicherweise" mehr zu solchen Zielen eigneten als Frauen, sei es aus kulturellen oder biologischen Gründen.39 Obwohl viele der Schwächen dieser Formulierungen dargelegt wurden, bleiben sie gesellschaftlich geläufig. In der Tat kann ihre auf unterschiedlichen Wegen und über verschiedene Kanäle erfolgte Verstärkung nur den privilegierten Platz legitimieren, den Militär in bestimmten Gesellschaften hat: in diesem Sinne bürgert es sich ein, davon auszugehen, dass sich der Militärdienst für Männer ziemt.

In der Türkei hat die Beziehung von Militärdienst und ein Mann zu "werden", sozial als Mann akzeptiert zu werden, wie dieser Artikel versuchte zu zeigen, frischen Schwung rhetorischer Art im Zusammenhang mit dem Konflikt im Südosten erhalten, wurde aber auch dadurch angegriffen. Die Aussagen sind durchmischt: Militärdienst wird öffentlich gefeiert und ist eng mit Männlichkeit und "männlichen" Pflichten und der Bedeutung der Selbstaufopferung für eine Nation verbunden, deren bloße Existenz angeblich bedroht sei. Auf privater Ebene sind die Gefühle der jungen Männer viel zweideutiger. Eine große Anzahl unter Ihnen weicht dem Dienst einfach aus. Einige der Militärdienstentzieher sind aus unterschiedlichen politischen Gründen dagegen, obwohl sich fast keine politische Gruppe, die überleben will, wagt, mit ihrer Politik offen Beziehungen zu diesem Widerstand aufzubauen. Andere junge Männer haben eine allgemeine Abneigung gegenüber dieser ganzen Angelegenheit, die sich nicht in einer besonderen politischen Form ausdrückt und sie mögen in der Tat über die damit zusammenhängende Politik sehr durcheinander gebracht worden sein (mehr als fünfzehn Jahre Fernsehberichterstattung in der Türkei über diese Themen haben keine Klarheit geschaffen). Trotz großer Armut und Ungleichheit zwischen Reichen und Armen, die zugegebenermaßen wächst, stehen durch die Anziehungskraft von Mode in Form von Kleidung, Musik und anderem - zu denen seit Ende der 80er Jahre eine wachsende Zahl Zugang hat - vermutlich andere, angenehmere Mittel für junge Männer bereit, um davon sich unterscheidende Identitäten und Selbstbilder abzuleiten. Familien junger Männer, die sich mit dem Dienst konfrontiert sehen, sind offensichtlich auch oft durch die Realität aufgeschreckt, obwohl wieder einmal ihre Ideen zu dem Thema verworren sind und wenige Türken gegen den Militärdienst als solchen argumentieren würden und noch Wenigere gegen die Entscheidungen und die Politik, die von der breit unterstützten Institution der bewaffneten Streitkräfte gefördert wird. Einer vorherrschenden Praxis, die man für entsetzlich hält, Widerstand zu leisten, ist nicht einfach.

Sobald der Militarismus als eine Kategorie betrachtet wird, die eine detaillierte Analyse als ein historisches Phänomen und einer Reihe von Praktiken verdient, die eng mit Fragen in Zusammenhang stehen, wie vorherrschendes kulturelles Verständnis seine Vorherrschaft bewahrt, gerade weil es ihr möglich ist, Zustimmung sicherzustellen und sich selbst an verschiedene Zusammenhänge anzupassen, wird es möglich, eine größere Auswahl von Themen zur Frage des sozialen Geschlechts in Beziehung damit zu untersuchen. Militär und Militarismus sollten nicht nur als Orte angesehen werden, wo Vorstellung von Männlichkeit gebildet werden, um Frauen auszuschließen. Fragen zur Macht, die von Männern als Vorgesetzte gegenüber Untergeordneten angewandt wird, zur Maßstäbe setzenden Heterosexualität gegenüber Homosexualität, oder einfach über die Macht, die aus politischen oder anderen Gründen gegenüber Männern ausgeübt wird, welche das Militärregime ablehnen, sollten nicht an den Rand gestellt werden, wenn wir uns der Kategorisierung aller Männer in einer Armee als gleicher Teil einer Ordnung der Männlichkeit der Vormachtstellung verweigern.

Männlichkeit in den festgelegten Kategorien zu sehen, erlaubt nur wenig Raum für Opposition zu militärischer Praxis und Institutionen und, mehr noch, übersieht die historischen Bemühungen einiger Männer, die die Einberufung ignorierten und sich in Opposition zur staatlichen Politik stellten, die sie zum aktiven Dienst aufforderte. Sie haben sich geweigert, sich an die sozialen Normen der Kriegszeit zu halten, die die Teilnahme am Militär gleichsetzt damit, ein Mann zu werden und ein guter Bürger (in diesem Zusammenhang ist der Widerstand von amerikanischen Männern, in Vietnam zu kämpfen, ein gutes Beispiel). Wenn wir vielleicht genauer die Praxis und Diskussionen von Institutionen der vorherrschenden männlichen Macht betrachten, können wir schließlich auf diesem ungewöhnlichen Weg ein Mittel entdecken, mit dessen Hilfe wir stichhaltig argumentieren können, dass Männlichkeit bzw. männliche Identität ausnahmslos vielseitig ist und dass in der Wechselwirkung mit ihren wesentlichsten und vorherrschenden Erscheinungsformen ihre Vielseitigkeit sehr klar hervor tritt.

 

Zum Teil I des Beitrages "Militär und Männlichkeit"

Anmerkung

Danksagung: Ich danke den FreundInnen in Istanbul für hilfreiche Anmerkungen zu diesem Artikel und dafür, dass ich auf einige wichtige Quellen aufmerksam gemacht wurde. Dank auch an Osman Murat Ülke zur Klärung bestimmter Punkte und für die hilfreichen Informationen über die Arbeit des ISKD im Bereich der Kriegsdienstverweigerung und des Antimilitarismus, einer Kampagne, die unter sehr schwierigen Bedingungen und mit persönlichen Kosten durchgeführt wird.

 

Fußnoten

22. siehe unter anderem die umfangreiche Literatur von Martin van Bruinessen, R. Olson, Hamit Bozarslan, David McDowall

23. die Schätzung wurde dem Bericht des Studienzentrums Türkei: Türkiye’de Ordu ve Insan Haklari Ihlalleri, S. 59, entnommen. Sie basiert auf Daten des Internationalen Instituts für Strategische Studien im Bericht Military Balance 1996/1997 (Der Bericht liegt auch auf deutsch vor und kann bezogen werden bei: DFG-VK Berlin, Görlitzer Str. 63, 10997 Berlin, Tel.: 030-61074411, Email: info(at)dfg-vk(Punkt)in-berlin(Punkt)de - d.Ü.)

24. ebenda. Insgesamt schätzen die Autoren von Türkiye’de Ordu ve Insan Haklari Ihlalleri die Zahl der Soldaten, die in der Kriegsregion in den 14 Jahren des Krieges Dienst abgeleistet haben, auf 1.500.000

25. Ein kurzer Artikel von Hamit Bozarslan: Research guide: Kurdish studies, Middle East Review of International Affairs V. 4/2000 Nr. 2, Januar 2000, bestätigt die Schwierigkeiten von Untersuchungen in dieser Region und deutet die disziplinären Maßnahmen und die Mängel bestehender Arbeiten an.

26. Die Schätzungen zur Zahl der Todesopfer seit Beginn des Krieges variieren erheblich. Während des Verfahrens gegen Öcalan wurde die Zahl von 30.000 Toten durch die türkische Presse weit verbreitet. Ich wurde aber darauf hingewiesen, dass diese Zahl schon zu Beginn des Jahres 1997 genannt wurde, also vor den größten Militäraktivitäten in der türkischen Geschichte mit dem Einmarsch von etwa 50.000 türkischen Truppenangehörigen in den Nordirak im Frühjahr desselben Jahres (siehe das Interview mit L.S. in Mai Ghoussoub und Emma Sinclair-Webb: Imagined Masculinities: Male Identity and Culture in the Modern Middle East, Saqi Books, London 2000). Die Mehrzahl der Toten (Schätzungen sprechen von 18.000 bis 26.000) seien angeblich PKK-Guerillas, bei geschätzten 5.000 bis 6.000 Toten bei den Sicherheitskräften (einschließlich Dorfschützern), und ungefähr 5.000 toten Zivilpersonen. Die Zahl der Verletzten ist offensichtlich wesentlich höher. Da es als unmöglich angesehen werden muss, die Umstände dieser Todesfälle zu anzugeben, müssen alle genannten Zahlen (einschließlich derjenigen über Militärpersonal, die "bei Unfällen" starben und die deswegen nicht in den Statistiken ausgewiesen werden, die nur allgemein von "Märtyrern" sprechen) als unzuverlässig angesehen werden.

27. siehe Tanil Bora: Sehit yakinlari: Evlat acisiyla oynamak, Birikim 123, Juli 1999, S. 12ff

28. Unter den journalistischen Büchern über die Cumartesi Anneleri sei hier genannt: Yildirim Türker: Gözaltinda Kayip Onu Unutma!, Istanbul, Metis Yayinlari 1995; Berat Güncikan: Cumartesi Anneleri, Istanbul, Iletisim Yayinlari 1996; Ece Temelkuran: Oglum, Kizim, Veletim, Istanbul, Metis Yayinlari 1997

29. Broschüre des ISKD, ohne Datum

30. Interview von Coskun Üsterci mit Osman Murat Ülke in der Zeitschrift Firari (Deserteur), November 1997, Nr. 3. Rundbrief der in London ansässigen Kampagne gegen Wehrpflicht in der Türkei

31. persönliche Korrespondenz mit Osman Murat Ülke vom 24. Februar 2000

32. der ISKD führte die Liste der relevanten Anklagepunkte für Kriegsdienstverweigerer in seinem Artikel "Vicdani ret ve yasal düzenlemeler" (November 1998 - d.Ü.) auf: Artikel 63, 66 Abs. 1, 81, 86 und 87 Abs. 1 des Türkischen Militärstrafgesetzbuches (TACK) sowie Artikel 155, 312 und 159 Abs. 1 des Türkischen Strafgesetzbuches (TCK). (In deutscher Übersetzung veröffentlicht in KIRIK TÜFEK April 1999 - d.Ü.)

33. siehe Pressemitteilung des ISKD: Vicdani ret hakkinin taninmasini talep etmek suc degildir (Die Forderung auf die Anerkennung der Kriegsdienstverweigerung ist keine Straftat), ohne Datum, mit Kommentaren zur Entscheidung des Militärgerichtes vom 9. Dezember 1997 (97/156-294 no’lu karar), wonach die Kriegsdienstverweigerung an und für sich nicht als eine strafbare Handlung nach Artikel 155 erachtet wird.

34. Nadire Mater: Mehmedin Kitabi: Güneydoguda Savasmis Askerler Anlatiyor. Istanbul: Metis Yayinlari 1999

35. Für eine Diskussion der Menschenrechtsorganisationen in der Türkei siehe Gottfried Plagemanns Artikel in S. Yerasimos, G. Seufert und K. Vorhoff (Hrsg.): Zivilgesellschaft im Griff des Nationalismus: Studien über die politische Kultur in der Türkei. Istanbul, Orient-Institut 2000.

36. post-traumatic stress disorder/PTSD. Das wäre wahrscheinlich in einigen Fällen die Diagnose, wenn man die vielfältigen Symptome zugrundelegt, die die Männer als Erfahrung beschreiben. Siehe zu Kriegssyndrom und Posttraumatischen Stress-Störungen bei Soldaten die umfassende Studie über die Bedingungen im Bericht "Türkiye’de Ordu ve Insan Haklari Ihlalleri", S. 57-94 und das Interview mit dem ehemaligen Wehrpflichtigen L.S. in diesem Bericht.

37. (Nadire Mater wurde am 29. September 2000 freigesprochen. Siehe auch Rundbrief "KDV im Krieg", November 2000 - d.Ü.)

38. Unter den schwulen Schowmastern ist Aydin, der die populäre ATV-Show "Schwiegermutter und Schwiegertochter" (Kaynana-Gelin) moderiert, in der zwei Teams, die jeweils aus einer Frau und ihrer Schwiegermutter bestehen, gegeneinander konkurrieren. Aydin, der die überempfindliche und gemeine "Königin" ("Tunte") im Programm spielt, zieht Familienwerte durch den Kakao, während er sie zugleich verstärkt. Aydin, der auch ein Sänger ist, kann als einer der "Erben? des Künstlers und Sängers Zeki Müren betrachtet werden.

39. Eine vollständige Kritik der allgemein nicht hinterfragten Verbindung zwischen Männern und Gewalt und eine Diskussion der Fähigkeiten von Frauen zur Gewalt finden sich in Lynne Segal: Slow Motion. Changing Masculinities, Changing Men. London, Virago 1990, S. 261-271. Segal, eine sozialistische Feministin, wandte sich auch in einem früheren Buch ähnlichen Themen zu: Is the Future Female? Troubled Thoughts on Contemporary Feminism. London, Virago, 1987

 

Zum Teil I des Beitrages "Militär und Männlichkeit"


Military Service and Manhood in Turkey. Aus: Mai Ghoussoub und Emma Sinclair-Webb: Imagined Masculinities: Male Identity and Culture in the Modern Middle East, Saqi Books, London 2000. Übersetzung aus dem Englischen: Rudi Friedrich und Thomas Stiefel. Teil I erschien im Rundbrief "KDV im Krieg" 2/2001, März 2001. Teil II im Rundbrief "KDV im Krieg" 3/2001, Mai 2001.



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