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Eritrea: „Nach der Befreiung erkannten wir nicht das wahre Gesicht der Regierung“
Connection e.V.
Internationale Arbeit für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure

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(01.05.2005) 
Eritreische Antimilitaristische Initiative (EAI)

Eritrea: „Nach der Befreiung erkannten wir nicht das wahre Gesicht der Regierung“

von Weldu Habtemicael

Ich wurde am 25. Februar 1977 in Adi Kefelet geboren. Dort ging ich auch bis zur 5. Klasse in die Schule. Mein Vater war Bauer. Später haben wir zusätzlich noch ein Geschäft aufgemacht.

1997 erhielt ich die Einberufung zum Nationaldienst. Obwohl ich gegen die Ableistung des Militärdienstes war, wurde ich gezwungen, sechs Monate Grundausbildung in Sawa zu absolvieren. Danach wurde ich zur Division 48 nach Girmaika gebracht. Dort gab es die sogenannte Rechasch-Brigade für große Geschütze. In dieser Brigade blieb ich die ganze Zeit über stationiert.

Als die Invasion begann, kamen wir nach Omhager, dann nach Shambuco und schließlich nach Haicota, um im Rahmen der Flugabwehr eingesetzt zu werden.

Zur 3. Invasion war ich in Maikokah Shilalo im Bereich von Shambuco.

Zwischen den Wehrdienstleistenden und den früheren Kämpfern gibt es große Unterschiede. Die Neuen werden von den anderen als minderwertig angesehen und ständig erniedrigt. Auch die Vorgesetzten sind damit einverstanden. Sie sind mit den alten Kämpfern und Soldaten befreundet. Wir Neuen wurden wie Dreck behandelt. Schon wenn man Fragen stellt, wird man beschimpft, geschlagen, inhaftiert, mit der Nummer Acht gefesselt und in die Sonne gelegt oder man muss schwere Arbeit leisten. Besser sagt man nichts.

Wenige Tage, nachdem die 3. Invasion begonnen hatte, wurden wir von äthiopischen Einheiten geschlagen. Wir mussten uns zurückziehen. Da wir für große Geschütze zuständig waren, war uns in der Militärausbildung gesagt worden: „In einer schwierigen Situation darf man die großen Geschütze nicht einfach stehen lassen. Man muss entweder kämpfen oder die Geschütze zerstören.“ Da wir bereits umzingelt worden waren, haben wir keinen Ausweg mehr gesehen. Es kam auch kein Transporter, um das große Geschütz mitzunehmen. Wir beschlossen, es zu zerstören. Dann sind wir geflohen. Später erhielten wir neue Waffen. Als es ruhiger wurde, kamen wir nach Baronto.

Ich wurde verhört, weil wir das Geschütz zerstört hatten. Ich wiederholte, was mir beigebracht wurde: Wenn es keinen Ausweg gibt und der Ort vom Feind besetzt werden wird, muss man das Geschütz zerstören. Das war ja bei uns auch so gewesen. Mir wurde geglaubt, da auch andere dabei waren und es bezeugen konnten. So passierte mir zum Glück nichts. Hätten sie es nicht geglaubt, hätte ich dafür zahlen müssen. Wenn man nur eine einzige Patrone verlor, musste man die von den 150 Nakba Sold bezahlen.

Es gab einen ähnlichen Fall, über den ich kurz berichten will. Nach den ersten Tagen der 3. Invasion waren auch Kameraden einer anderen Einheit in einer ähnlichen Situation. Sie waren von äthiopischen Einheiten geschlagen worden und flohen in Richtung Teseney. Zwei ihrer Transporter blieben im Sand stecken. Sie waren voller Waffen. Der Kommandant der Einheit war ihnen 200 Meter voraus und befahl, die Transporter zu zerstören. Zwei der Soldaten wollten sie aber noch aus dem Sand herausholen. Ein dritter zerstörte sie trotzdem. Dies Ereignis hat nach dem Waffenstillstand zu Untersuchungen geführt.

Derjenige, der die Transporter zerstört hatte, war vom Militär abgehauen. Die anderen wurden nun beschuldigt, sie hätten dem äthiopischen Militär die Waffen überlassen. Das wurde auf höchster Ebene verhandelt. Schließlich, so wurde uns berichtet, wurden beide erschossen, exekutiert.

Seltsam war ja, dass dies geschah, obwohl der Zeuge gar nicht mehr da war. Er wurde einige Monate später zu Hause von der Polizei aufgegriffen und zu seiner Einheit gebracht. Da er bei seiner Flucht eine Kalaschnikow mitgenommen hatte, gab er an, er habe sie verloren. Es gab aber überhaupt keine Untersuchung zu seiner Desertion, er konnte sich frei bewegen. Ich selbst versuchte, etwas aus ihm herauszubekommen. Er antwortete: „Es ist nichts passiert, ich behalte alles für mich.“ Ich war richtig erstaunt, wie sie mit ihm umgegangen sind.

Nach Unterzeichnung des Waffenstillstandes berichteten die freien Zeitungen viel über die Situation in Eritrea. Sie schrieben über die G15. Wir lasen es. Es machte uns wütend. Da kamen sie auf einmal zu uns und verboten uns, die Zeitungen zu lesen, obwohl diese gar nicht verboten waren. Sie verboten uns, andere politische Ansichten zu erfahren.

Am 9. August 2002 führten sie schließlich eine Versammlung durch, um uns über die Situation in Eritrea und die G15 zu informieren. Sie sagten, die G15 seien Verräter und beschuldigten sie, mit Äthiopien kooperiert zu haben. Uns war zuvor immer gesagt worden, dass wir als Soldaten keine Position beziehen sollten. Da bin ich plötzlich wütend geworden - ich wusste auch nicht warum - und einfach aufgestanden: „Warum sagt Ihr uns das jetzt? Warum erzählt ihr uns Schlechtes über sie? Ihr wollt uns auf Eure Seite bringen. Aber Ihr habt doch selbst gesagt: ‚Bezieht als Soldaten keine Position, bleibt neutral.’ Warum wollt Ihr uns jetzt von Eurer Position überzeugen und macht die anderen schlecht?“ Das kam ganz spontan. Ein hochrangiger Kommandeur befahl mir: „Setz Dich!“

Nach der Sitzung kam die Militärpolizei, verhaftete mich und brachte mich nach Baronto. Sie beschuldigten mich erstens, dass ich den G15 angehören würde. Ich hätte zweitens mit den Äthiopiern kooperiert und deswegen das große Geschütz zerstört - das wurde direkt damit in Verbindung gebracht. Drittens warfen sie mir vor, ungesetzlich aufgestanden zu sein und die Versammlung unterbrochen zu haben.

Am 10. August teilten sie mir die Anklage mit. Mein Einheitsführer beging Verrat an mir. Er sagte nun, dass ich das große Geschütz selbst zerstört hätte. Er wollte sich schützen. Plötzlich wollte er von nichts mehr gewusst haben.

Im Gefängnis in Baronto war eine Person als Wache eingesetzt, die ich kannte. Er war mit mir in Sawa gewesen und erschrak sich, als er mich sah. Er steckte mir einen Zettel zu, auf dem er geschrieben hatte: „Ich habe dasselbe vor - abzuhauen. Ich werde Dich mitnehmen. Du bist in Schwierigkeiten.“

Ich sagte nichts und vernichtete den Zettel. Als er Wache hatte, mittags, konnte er sich mit mir unterhalten, indem er so tat, als schaue er ganz woanders hin. Er sagte: „Wenn wir zum Pinkeln rausgehen, sollst Du Dich an meine Seite stellen. Später läufst Du einfach los. Ich schieße dann hinter Dir her und renne hinter Dir her. Die anderen müssen ja auf die anderen Gefangenen aufpassen. Du rennst also und ich schieße. Ich renne hinter Dir her. So kommen wir hier raus. Bereite Dich vor.“ Da es dort keine richtigen Toiletten gibt, kommen in der Abenddämmerung drei Wachen und begleiten etwa ein Dutzend Gefangene raus zum Pinkeln. Er war einer von den Wachen.

Am 12. August, nicht einmal drei Tage nach der Festnahme, habe ich es genauso gemacht, wie er es mir gesagt hatte. Ich stellte mich an seine Seite. Dann lief ich davon. Er schoss und lief hinter mir her. So konnten wir abhauen. Dann sind wir als Freunde zusammen weiter geflohen.

Es gibt genügend Beispiele für die Haftbedingungen bei Soldaten. Manche verschwinden, manche bringen sich selbst um, weil sie nicht mehr können. Ein Freund von mir ging in die Stadt und kam nicht mehr zum Militär zurück. Am nächsten Tag brachte ihn die Militärpolizei. Er wurde den ganzen Tag mit der Nummer Acht gefesselt und in die Sonne gelegt. Es war so heiß, er lag da so lange, bis er aus Nase und Mund blutete. Er zeigte keine Reue. So erhielt er weitere drei Monate Haft. Die Haare wurden ihm abrasiert, er musste schwere Arbeit leisten, z.B. den ganzen Tag in der Hitze ein Loch graben, ohne dass es irgendeinen Sinn machte. Auch das war eine Form der Strafe. Nach drei Monaten kam er wieder. Er zeigte immer noch keine Reue. Da er keinen Ausweg mehr sah, erschoss er sich selbst.

In dem Gefängnis in Baronto waren mit mir politische Gefangene inhaftiert, die z.B. mit den G15 in Verbindung gebracht wurden. Wer dort inhaftiert wird, wird irgendwohin gebracht oder liquidiert. Dort wird man schlimm behandelt. Ich hatte Angst um mich. Auch mir hätte das passieren können. Ich hatte schon einen Plan, um selbst abzuhauen. Ich wusste ja, dass ich mit den G15 in Verbindung gebracht wurde. Das ist eine schwere Anschuldigung. Von den politischen Gefangenen sind viele verschollen.

Soldaten, die drei Monate schwere Arbeit leisten müssen, sind nicht so schlimm dran. Das ist wie eine Gehirnwäsche, damit sie ihre Schuld anerkennen und gehorsam werden. Es gab aber auch viele Strafen wegen Kleinigkeiten. Am meisten passierte das den neuen Rekruten des Nationaldienstes.

Die Regierung kümmert sich nicht um die Bevölkerung. Ich will ein Beispiel dafür nennen: StudentInnen waren zur Feldarbeit eingesetzt worden. Viele bekamen währenddessen Malaria, so dass sie den nächsten Einsatz verweigerten. Ich kann diese Regierung nicht akzeptieren, weil ich erlebt habe, wie es mir selbst ergangen ist, wie es den anderen, dem ganzen Volk ergeht, wie wir Soldaten behandelt werden. Wenn es uns gut gehen würde und alle ähnlich behandelt werden würden, hätten wir uns nicht verweigert. Aber weil es nicht so war, wie es sein soll, gab es immer Differenzen. Sie wurden immer größer. Sie haben uns behandelt, als ob wir die Dümmsten wären und versucht, uns zu vernichten. Das war insbesondere nach der 3. Invasion so, nachdem sich die Regierung zerstritten hatte.

Nach der Befreiung erkannten wir nicht das wahre Gesicht der Regierung, auch nicht in den Jahren danach. Erst, als es mir ganz schlecht ging, habe ich gesehen, dass die Situation um mich herum extrem schlecht war. Da habe ich es realisiert. Da hat es klick gemacht. Es war nach der 3. Invasion und nach meiner Festnahme.

Nach allem konnte ich in den Sudan gehen und fliehen. Dort lebt mein Onkel mütterlicherseits, der mir sagte: „Auch hier können sie Dich erwischen. Hier sind auch Sicherheitskräfte der Regierung. Vielleicht wirst Du verschleppt.“ Mein Onkel organisierte für mich die Flucht nach Deutschland.

In Deutschland bin ich in der ELF-RC aktiv geworden. Ich habe den Krieg gesehen. Er ist keine Lösung. Man kann nur sterben und verlieren. Selbst ein Sieg bedeutet Verluste. Viele sind verstorben. Was wir brauchen, ist Frieden. Das könnten wir mit friedlichen Mitteln erreichen. Diese Regierung kann man auch mit friedlichen Mitteln stürzen, weil Krieg es nicht bringt. Deshalb bin ich in einer Organisation, die sich für Gewaltfreiheit und Demokratie einsetzt. Da engagiere ich mich im Moment.

Mein Asylverfahren wurde vom Bundesamt abgelehnt. Ich lebe in Bad Homburg und beziehe Sozialhilfe. Nach einem Jahr Aufenthalt kann ich anfangen zu arbeiten, so dass ich mir nun eine Arbeit suchen kann.

Ich kann nicht zurück nach Eritrea, nicht nur wegen dem, was ich dort gemacht habe, sondern auch, weil ich mich hier engagiere. Jeder weiß es, auch die Angehörigen der Regierung. Auch im Internet gibt es Bilder von mir.

Ich kann nur eine Hoffnung für mein Volk aussprechen, das von der Regierung unterdrückt wird: Ich hoffe, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Wer in Eritrea lebt, hat keine Chance, sie zu erfahren. Unser Volk braucht eine Chance, die Wahrheit muss dort und international ans Licht kommen.


Interview mit Weldu Habtemicael vom 4.06.2004. Übersetzung Yonas Bahta. Abschrift: Rudi Friedrich. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und Eritreische Antimilitaristische Initiative in Zusammenarbeit mit der Flüchtlingsseelsorge der EKHN (Hrsg.): Broschüre »Eritrea: Kriegsdienstverweigerung und Desertion«, Offenbach/M., November 2004. Wir danken für die finanzielle Förderung durch: Dekadefonds zur Überwindung der Gewalt der EKHN, Förderverein Pro Asyl und Evangelischer Entwicklungsdienst (EED).



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