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Eritrea: „Ich kritisierte das und wurde deshalb terrorisiert“
Connection e.V.
Internationale Arbeit für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure
Eritrea: „Ich kritisierte das und wurde deshalb terrorisiert“

Beitrag von Amanuel Ghbremichael, Aktiver der Eritreischen Antimilitaristischen Initiative


Zum Weiterlesen

(01.05.2005) 
Eritreische Antimilitaristische Initiative (EAI)

Eritrea: „Ich kritisierte das und wurde deshalb terrorisiert“

von Amanuel Ghbremichael

Ich wurde 1978 in Asmara geboren. Bis zur 7. Klasse lebte ich bei meinen Eltern in Imbaderho in der Nähe von Asmara. 1994, nach der Befreiung, wurden meine Geschwister an die Front geschickt. Da meine Eltern schon sehr alt waren und keine Arbeit hatten, musste ich meine Familie ernähren. Ich arbeitete von 1994 bis 97 als Automechaniker. Später machte ich auch einen LKW-Führerschein und kam als Fahrer in viele Gebiete Eritreas.

Im Juni 1998 wurde ich zum Nationaldienst nach Sawa eingezogen, wo ich eine gute Militärausbildung erhielt - allerdings nur fünf Monate lang, da dann ein einmonatiger Ernteeinsatz angeordnet wurden. Nach dem Einsatz kamen wir zurück nach Sawa. Normalerweise wurde das Ende der Grundausbildung richtig gefeiert. Das geschah bei uns nicht: Der Krieg zwischen Eritrea und Äthiopien hatte schon am 26. Juni begonnen.

In unserer Einheit waren wir 84 Soldaten. 26 von uns wurden ausgewählt, um Ende 1998 in die Nähe von Bademe zur Division 381 gebracht zu werden.

Als wir dort angekommen waren, gab es ein großes Durcheinander. So waren unsere Akten noch nicht dort. Wir kannten die anderen Kameraden nicht. Alle hatten ähnliche Kleidung an, wir, unsere Kameraden und die Äthiopier. Die Gegend war uns fremd. Wir durften im Kriegsgebiet nachts kein Licht anmachen. Wir konnten uns auch nicht in unserer Sprache miteinander verständigen, da die Äthiopier besonders in diesem Gebiet auch tigrinja sprechen. Am Anfang wussten wir oft nicht, wo wir waren. Ich konnte nicht zwischen Feind und Freund unterscheiden. Das hat mich wirklich verwirrt. Wären wir statt des Ernteeinsatzes schon einen Monat früher zur Einheit gebracht worden, hätten wir uns kennen lernen können und diese Schwierigkeiten nicht gehabt.

Zudem hatten wir keine oder schlechte Waffen erhalten. Das Militär gab die Parole aus, man solle die Waffen vom Gegner holen und damit kämpfen. Mehrere meiner Kameraden wurden gefangen genommen oder fielen. Bei manchen weiß keiner, wo sie abgeblieben sind, weil es ein solches Durcheinander gab. Sie wurden als Märtyrer anerkannt. Wir zogen uns nach Illalo, Shambuco, zurück und sollten die Invasion in Bademe stoppen.

Ende März 1999 baten wir mehrmals darum, eine Versammlung durchzuführen, weil wir so schlecht ausgerüstet waren. Wir wollten auch darüber reden, dass Frauen nicht so wie Männer kämpfen und daher nicht so eingesetzt werden könnten. Unser Anliegen wurde verweigert, mit dem Hinweis, dass wir uns verteidigen und daher gehorchen müssten.

Obwohl wir das akzeptierten, schleusten sie Spitzel bei uns ein. Stell Dir vor: Wir geben unser einziges Leben für das Land - da braucht man doch eine Person an seiner Seite, der man vertrauen kann. Stattdessen haben sie uns gegenseitig ausspitzeln lassen. Selbst beim Pinkeln wurden wir beobachtet und dazu aufgefordert, auch die anderen zu bespitzeln.

Ich will ein Beispiel nennen, wie die Vorgesetzten mit den Untergebenen umgegangen sind. In meiner Einheit waren sieben Mädchen. Als wir von Gemhalo nach Ilallo marschierten, konnte ein Mädchen nicht mehr und blieb zurück. In Shambuko angekommen, meldeten wir das dem Einheitsführer. Wir mussten uns doch um das Mädchen kümmern, sie war mit mir bei der Grundausbildung gewesen, eine Kameradin. Der Einheitsführer sagte aber: „Wenn ihr wollt, könnt Ihr sie holen. Mir ist es egal.“ Wir holten sie und fragten ihn: „Warum kümmert Ihr Euch nicht um die Untergebenen?“ Ich sagte wütend: „Man soll die Kameraden doch nicht einfach wie einen Stein fallen lassen.“

Der Einheitsführer war voller Hass. Es ging ihm nicht um das Land. Weil ich ihm widersprach, hieß es, ich sei ein Feind. Wenn man sich im Streit mit den Einheitsführer befindet, setzt er dich an Stellen ein, wo die Gefahr groß ist, getroffen zu werden. Er hat Angst, dass du dich an einen Vorgesetzten von ihm wendest und dich beschwerst. Dann wackelt sein Platz. Er kann dir einen Befehl erteilen und lässt dich verschwinden. Das war alltäglich im Krieg.

Oder du musst an der Front bleiben, obwohl du eine ganze Woche dort warst und ersetzt werden müsstest. Es kommt kein Ersatz. Du musst dort bleiben. Der Einheitsführer wird dich nicht einfach vor den anderen exekutieren. Aber er sorgt dafür, dass du an der Front stirbst.

Im Juni 1999 sollten wir die Ortschaften, die wir an die Äthiopier verloren hatten, wieder erobern. Wir marschierten nach vorne. Im Kampf wurde mein Einheitsführer schwer am Kopf getroffen. Es gab kaum Hoffnung für ihn. Ein anderer Soldat wurde am Bein getroffen. Wir mussten uns entscheiden, wen wir von der Front ins Lazarett bringen. Nach den Vorschriften muss zuerst der Einheitsführer von der Front weggebracht werden, weil er viele Geheimnisse kennt. Ich selbst habe aber das Risiko auf mich genommen und entschieden, dass wir den Soldaten rausholen, da er eine Chance hatte, zu überleben. Später starb der Einheitsführer.

Das Gefecht dauerte bis zum 15. Juni an. Zunächst bestraften sie mich nicht für diese Entscheidung, sondern schickten mich nur an die gefährlichsten Stellen an der Front. Nach Eintritt der Waffenruhe fesselten sie mich etwa drei Wochen lang mit der Nummer Acht - jeden Tag z.B. von 12 bis 14 Uhr. Dabei staut sich das Blut in den Fingern. Sie warten nur darauf, dass man sich beschwert, um einen schärfer bestrafen zu können.

Nachdem wir die Orte zurückerobert hatten, trat Waffenruhe ein. Zugleich gab die Regierung einen Erlass heraus. Die Entlassungen wurden ausgesetzt. Man konnte keinen Urlaub beantragen. Wer sich von seiner Einheit entfernt habe, sollte gefangen genommen und gefesselt werden. Es wurden Strafen bis zur Erschießung angedroht. Sie haben Exekutionen durchgeführt - wir konnten das aber nicht selbst sehen, da dies im Geheimen geschah.

Meine Einheit wurde im Juli 1999 in das Gebiet Aroro versetzt, in die Nähe eines Flusses. Da in Eritrea von Juli bis September Regenzeit ist, war das Flussbett voller Wasser. Wir lagen zwischen dem Fluss und Äthiopien, eigentlich kein Ort, um eine Einheit zu stationieren, da wir keinen Nachschub erhalten konnten. Wir hätten auch keinen Platz gehabt, um uns bei einer Invasion zurückzuziehen.

Ich war ja Mechaniker und konnte daher Geräusche von Fahrzeugen unterscheiden. Vom 26. auf den 27. Juli war ich um 2 Uhr nachts als Wache eingesetzt gewesen. Die Einheit lag unter mir. Da hörte ich Geräusche und teilte dem Einheitsführer mit: „Sie kommen.“ Er aber sagte: „Nein, sie fahren weg.“ Dann explodierte ein Mine, die im Gelände lag. Nun kamen die anderen aus der Einheit und schon begann der Angriff der Äthiopier. Wir konnten uns nur so lange verteidigen, bis die Munition alle war. Wir mussten bis zur nächsten Nacht warten, bis wir den Fluss überqueren konnten. Am Tag hätten wir keine Chance zum Überleben gehabt. 17 Kameraden von mir starben so aufgrund des Fehlers des Einheitsführers.

Danach wurde eine Versammlung durchgeführt. Der Einheitsführer und andere Vorgesetzte waren dort. Obwohl Spitzel anwesend waren, äußerte ich meine Meinung. Ich hatte keine Angst. Ich habe nur ein Leben.

Es hieß: „Wer war als Wache eingesetzt?“ Ich antwortete: „Ich.“ „Hast Du nicht Bescheid gesagt?“ „Ich habe Bescheid gesagt.“ „Warum seid ihr dann nicht herausgekommen?“ „Ich weiß nicht. Ich kann nur meinen Befehl befolgen und dem Einheitsführer Bescheid geben. Das habe ich gemacht.“ Sie sagten: „OK“, haben aber nichts unternommen. Eigentlich hätten sie den Einheitsführer bestrafen und ihm seinen Rang entziehen müssen. Sie sind aber freundschaftlich miteinander umgegangen. Sie haben so getan, als ob sie nichts gehört hätten.

Im August/September 1999 brachten sie Waffen aus Belgien - wirklich gute Maschinengewehre, die präzise schießen. Aber sie taugen nicht für den Krieg, da es nicht genügend Nachschub an Munition gab. Im Feld brauchen wir eine Waffe, für die wir auch von anderer Stelle Munition erhalten können, z.B. eine Kalaschnikow. Wenn jemand verletzt ist oder wenn wir vorne an der Front sind, kann ich andere Munition benutzen. Bei den belgischen Waffen konnten wir nur die Munition verwenden, die wir direkt bei uns trugen.

Ich kritisierte das und wurde deshalb terrorisiert. Ich war ständig im Konflikt mit dem Einheitsführer. Er kann alles mit dir machen. Er verfügt über dich. Es ist auch nicht möglich, Beschwerde einzureichen, da die anderen Vorgesetzten ebenso denken. Ich liebe mein Land. Aber seit diesen Ereignissen kam mir der Gedanke: „Es hat keinen Sinn, ich muss das Land verlassen. Ich kann so nicht überleben. Irgendwann bin ich dran.“

Zu Beginn des Jahres 2000 bin ich mit anderen in die 44. Division in das Gebiet Ubbel versetzt worden, das sich zwischen dem Hoch- und Tiefland befindet. Am 12. Mai 2000 begann die 3. Invasion. Wir blieben bis zum 17. Mai in Ubbel stationiert und warteten. Wir hörten, dass geschossen wurde und fragten, was das zu bedeuten habe. „Das ist nur eine Übung“, bekamen wir zur Antwort. Stattdessen war die äthiopische Armee bereits einmarschiert.

Die Äthiopier wussten genau über unsere Lage Bescheid. Sie umzingelten uns am 17. Mai. Nun sollten wir flüchten, nur mit der Waffe in der Hand. Über 17 von uns starben, wir anderen konnten fliehen. Die äthiopische Armee marschierte in Richtung Vaulina, Baronto und Mendefera. Der ganze Bereich, alles eritreisches Gebiet, war von ihr besetzt worden. Wir befanden uns inzwischen in Haffir, sollten uns zunächst zurückziehen. Baronto und Teseney befanden sich in der Hand der Äthiopier. Es hieß, sie seien zerstört worden. Auch die Brücke über den Fluss Rama sei zerstört. So hätten wir die Chance, dass die Äthiopier bei einem Angriff von uns nicht alle Waffen mit zurück nehmen könnten.

Obwohl wir unterlegen waren, begannen wir eine Offensive. Offensichtlich wollten sich die Äthiopier eh zurückziehen, so dass wir in Teseney einmarschieren konnten. In der Nähe von Goric, zwischen dem Fluss Rama und Teseney, kämpften wir vier Tage und Nächte. Die Brücke über die Rama war gar nicht zerstört, so dass die Äthiopier Nachschub und Munition erhielten. Wir bekamen innerhalb eines Tages nur ein Brötchen und etwas Milch. Am Ende waren wir sehr geschwächt. Manche fanden die Sanitäter nicht, weil sie sich nicht auskannten, manche starben. Immer weniger blieben zum Kämpfen über, die Einheit wurde schwächer und schwächer.

Und wieder umzingelte uns die äthiopische Armee. Wir erhielten den Befehl, uns nach Teseney zurückzuziehen. Wir waren zu sechst. Einer von uns war verletzt worden. Wir dachten, dass wir ihn irgendwie retten, zu einem Sanitäter bringen müssten. Wir irrten einen Tag und eine Nacht herum, eigentlich nur, weil wir uns nicht vertrauten. Hätte ich gesagt: „Warum gehen wir nicht einfach in den Sudan - und kommen später zu unserer Einheit zurück?“, wäre ich dran gewesen. Auch die anderen konnten solch einen Gedanken nicht aussprechen.

Dem Kameraden ging es schlechter und schlechter. Er verlor viel Blut und es war sehr heiß, 37 oder 38 Grad. Als es dunkel wurde, sind wir schließlich einfach losmarschiert. Dann trafen wir sudanesische Soldaten. Da wir so müde waren, hatten wir auch schon unsere Waffen weggeworfen. So kamen wir ohne unser Wissen in den Sudan. Über 800 eritreische Soldaten trafen sich im Sudan wieder. Der Kamerad wurde von den sudanesischen Soldaten versorgt.

Der Konsul aus Eritrea kam und sagte uns: „Ihr müsst zurückgehen.“ Wir fragten ihn: „Wer ist für die verlorenen Kameraden und Waffen verantwortlich?“ Wir wollten uns vergewissern, was passieren würde. Er antwortete uns ausweichend: „Die Frage könnt Ihr in Eritrea stellen. Ich kann sie Euch nicht beantworten. Auf jeden Fall habt Ihr aber zurückzukehren.“ Da bekam ich es mit der Angst, zumal in Eritrea auch Negatives in meiner Akte stand und ich zudem die Waffe liegen gelassen bzw. verloren hatte. Es war mir nicht mehr möglich, wieder nach Eritrea zurückzugehen. Stattdessen ging ich als Zivilist nach Khartoum.

Dort arbeitete ich als LKW-Fahrer. Ich erzählte niemandem, dass ich eritreischer Soldat gewesen war. Ich fuhr vor allem im Norden Sudans, wo sich keine Eritreer aufhalten und blieb von 2000 bis 2003.

2003 kam ich nach Deutschland, weil ich es im Sudan nicht mehr ertragen konnte. Ich bin Christ. Im Sudan beten sie 3 bis 4 mal am Tag und fragten mich ständig, ob ich Christ oder Muslim sei. Es ist auch so, dass sich das Verhältnis zwischen Eritrea und Sudan ständig ändert, mal ist es gut, mal ist es schlecht. Wenn irgendwann herausgekommen wäre, dass ich Soldat war und desertiert bin, hätte mich die eritreische Regierung auch nach Eritrea verschleppen können. Es war eine beständige Angst, die ganzen Jahre durch. Das konnte ich nicht mehr ertragen.

Jetzt lebe ich in Heusenstamm. Ich muss mit 180 h auskommen. Ich hatte keine Chance, zur Schule zu gehen und deutsch zu lernen, weil mit einem Losverfahren darüber entschieden wurde. Ich hatte kein Glück.

Mein Asylverfahren ist abgelehnt worden, auch vom Verwaltungsgericht. Ich habe nicht verstanden, warum. In Deutschland bin ich in der Eritrean Democratic Party (EDP) aktiv.


Interview mit Amanuel Ghbremichael vom 26.05.2004. Übersetzung Yonas Bahta. Abschrift: Rudi Fried. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und Eritreische Antimilitaristische Initiative in Zusammenarbeit mit der Flüchtlingsseelsorge der EKHN (Hrsg.): Broschüre »Eritrea: Kriegsdienstverweigerung und Desertion«, Offenbach/M., November 2004. Wir danken für die finanzielle Förderung durch: Dekadefonds zur Überwindung der Gewalt der EKHN, Förderverein Pro Asyl und Evangelischer Entwicklungsdienst (EED).



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