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Chile: "So hatten wir uns das Ende der Diktatur nicht vorgestellt"
Connection e.V.
Internationale Arbeit für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure

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Chile: "So hatten wir uns das Ende der Diktatur nicht vorgestellt"

Interview mit Pelao Carballo

Pelao Carballo ist aktiv in der Gruppe Ni casco ni uniforme (Weder Helm noch Uniform) in Chile und Mitglied des Rates der War Resisters’ International (WRI). Franz Nadler befragte ihn im Juli 2006 am Rande der von der WRI ausgerichteten Konferenz Gewaltfreiheit globalisieren zur Lage der Kriegsdienstverweigerung in Chile. Das Interview wurde ergänzt durch aktuelle Ergänzungen von Pelao Carballo vom 29. März 2008 (d. Red.).

Ich heiße Pelao Carballo, aber im Pass steht Sergio Pinto Nuñez. Pelao bedeutet ohne Haare bzw. kurzgeschnittene Haare und spielt darauf an, dass ich mal Punk war. Daher rührt der Name Ich bin 34 Jahre alt, Kriegsdienstverweigerer, Totalverweigerer, und arbeite was sich so ergibt.

Hast du keinen Beruf?

Nein, ich habe Journalismus, Literatur und Ökologie studiert, aber nicht abgeschlossen. Somit habe ich keinen Beruf, schreibe aber für verschiedene Zeitschriften, vorwiegend zur Kriegsdienstverweigerung. Geld verdiene ich, indem ich das mache, was sich so ergibt: Fische verkaufen, Verkehr zählen, Umfragen durchführen, in Buchhandlungen arbeiten usw.

Ich brauchte keinen Militärdienst abzuleisten, da ich ausgemustert wurde. Ich sehe schlecht und wog bei der Musterung nur 40 Kilo. Das war keine Kriegsdienstverweigerung, ich hätte mich damals auch noch nicht als Kriegsdienstverweigerer bezeichnet. Unabhängig davon: Das Wort hat es damals in Chile schlichtweg noch nicht gegeben.

Wie geht die Musterung vor sich?

Obwohl man (noch) Zivilist ist, und in Zivilkleidung hinkommt, wird man behandelt, als würde man schon zum Militär gehören. Man wird z.B. geschlagen, man muss stundenlang in einer Reihe stehen und auf die Untersuchungen warten, wobei Schwule und Indigene besonders schlecht behandelt werden. Auch die Entscheidung über die Tauglichkeit ist oftmals nicht nachvollziehbar und weitgehend willkürlich.

Bei mir war es so: Der Arzt zog sich am Ende der Musterung einen Handschuh an, ging die Reihe entlang und überprüfte die Hoden, ohne den Handschuh zu wechseln. An diesem Punkt habe ich mir gesagt: Egal wie es ausgeht, das ist zu viel, ich gehe da nicht hin.

Zu dieser Zeit war ich zwar gegen Pinochet aber noch nicht ausgesprochen antimilitaristisch. Ich war jung und hatte mich noch nicht entschieden, ob ich zum Militär gehen soll. Dazu muss gesagt werden, dass ein Teil meiner Familie eine militärische Tradition hat. Klar wurde ich mir darüber - wie gesagt - erst bei der Musterung.

Wie kamst du zum Anarchismus und zu Ni casco ni uniforme?

Politisch engagiert war ich schon, als ich noch sehr jung war. Darüber habe ich den Anarchismus kennen gelernt und als Teil davon auch den Antimilitarismus. So hat sich das entwickelt.

Das war noch zur Zeit der Diktatur. Zu meiner Schulzeit hat sich ein Großteil der Jugendlichen politisch engagiert; das war wirklich die Mehrheit. Und ich war einer davon.

Mir kamen die politischen Parteien sehr autoritär vor. Sie haben alle versucht, die Jugend zu vereinnahmen und sie in eine bestimmte Richtung zu drängen. So kam ich anfangs mehr emotional und später auch theoretisch zum Anarchismus. Es hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Chile eine große und starke anarchistische Bewegung gegeben, die dann aber bis auf wenige Wurzeln wieder verschwunden ist. An sie knüpfen wir heute an.

1990 ist Pinochet per Referendum abgewählt worden. Das Ende der Diktatur war für uns der Zeitpunkt mit unseren Aktivitäten zu beginnen: Damals entstanden die ersten Flugblätter zur Kriegsdienstverweigerung.

Pinochet ist 1990 als politischer Führer, als Präsident, zurückgetreten, er blieb aber weiter (bis 1998) Oberbefehlshaber der Armee. Diese Situation war das Ergebnis eines Abkommens zwischen der neuen demokratischen Regierung und der Armee. Die Armee blieb in ihrer enorm starken Stellung unangetastet. So hatten wir uns das Ende der Diktatur nicht vorgestellt, für uns war das eine Lüge.

Wie stellt sich heute die Armee Chiles dar?

Die chilenische Armee war in ihrer Geschichte immer sehr mächtig, sie unterdrückte die Armen, sie hat Leute umgebracht, sie steht für das Fortleben der Diktatur. Die Armee ist an und für sich antidemokratisch. Sie gefährdet durch ihre hierarchischen Strukturen die Demokratie. Sie steht für den Machismus usw. Das wollten wir beenden und deshalb wurden wir in diesem Bereich aktiv.

In den letzten Jahren scheint es, als hätte sich die Armee erneuert; sie hat zweifelsohne einen moderneren Anstrich bekommen. In Wirklichkeit hat sie aber vielleicht sogar noch mehr Macht als noch vor ein paar Jahren. Sie bestimmt, wer Verteidigungsminister wird und kontrolliert, wer im Verteidigungsministerium welchen Posten bekommt. Diese enorme Macht wirkt sich auch auf andere Bereiche aus, z.B. auf die chilenische Außenpolitik. So entscheidet im Endeffekt das chilenische Militär über den Umgang mit Konflikten. Das sind regional insbesondere die Grenzstreitigkeiten mit den Nachbarländern Argentinien und Bolivien. Auch international will die Armee stärker mitspielen. Sie argumentiert, dass im Zeitalter der Globalisierung die internationale Verantwortung wachse und deshalb auch Einsätze außerhalb des Landes notwendig geworden seien.

Wird die chilenische Armee auch außerhalb des Landes eingesetzt?

Ja, natürlich. In Haiti z.B. befindet sich ein sehr starkes chilenisches Kontingent.

Welche Entwicklungen gibt es im Bereich der Militärdienstpflicht?

Nach der Verfassung ist der Militärdienst obligatorisch. Es gibt eine Kampagne, dass die Jugendlichen freiwillig Wehrdienst leisten sollen. Das führt dazu, dass 70% der Benötigten sich freiwillig melden und die übrigen 30% dazu verpflichtet werden.

Diejenigen, die sich freiwillig melden, sind meistens Leute, die keine Arbeit haben, arm sind, denen verschiedene Angebote gemacht werden, ihre Ausbildung zu vollenden, zu studieren, eine Berufsausbildung zu machen. Man kann sagen: Sie werden durch die Notwendigkeit gezwungen!

Ni casco ni uniforme gibt es seit 1998. Wir vertreten die insumisio, die Totalverweigerung. Grundsätzlich ist jeder chilenische Jugendliche verpflichtet, sich an den dafür bestimmten Stellen für den Militärdienst einzuschreiben. Und da sind wir der Ansicht, dass man dort gar nicht erst hingehen soll bzw. dass man sich eben nicht einschreibt. Nun, das machen viele, die meist einfach darauf hoffen, dass nichts passiert. Wir unterscheiden uns von diesen, indem wir eine Erklärung der Kriegsdienstverweigerung verfassen und damit an die Öffentlichkeit gehen. Insgesamt ist der Anteil derjenigen, die sich nicht zum Militärdienst melden, in den letzten Jahren ständig gestiegen und hätte schon längst zum Problem für das Militär werden müssen. Aber das Militär senkt seit Jahren die Anzahl derjenigen, die es als notwendig erachtet. So wurden für das Heer 1998 jährlich noch 30.000 Rekruten als notwendig erachtet, heute sind es gerade noch 15.000.

Wie lange dauert eigentlich der Militärdienst?

Offiziell sind es zwei Jahre, in der Praxis dauert er im Heer ein Jahr und vier Monate und bei der Marine und der Luftwaffe zwei Jahre. In den letztgenannten Bereichen gibt es eine bessere Bezahlung und so brauchte man dort keine Einschränkungen der Dauer und der Anzahl vornehmen.

Wie ist der Militärdienst einzuschätzen? In der Presse war von Erfrorenen zu lesen.

Ja, in Antuco sind bei einem Gebirgsmarsch im Winter 44 Rekruten erfroren. Sie hatten den Befehl bekommen, los zu marschieren und es hatte sich keiner getraut, dem Befehl zu widersprechen bzw. ihn nicht auszuführen.

Es ist vielleicht nicht unbedingt typisch, dass eine solche Anzahl von Rekruten erfriert und es ist auch nicht unbedingt im Sinne der Armee. Aber die Anzahl der Toten kommt auch in ein bis zwei Jahren Normalbetrieb vor, durch Selbstmord oder Unfall. Jeden Monat gibt es auf diese Weise ein bis zwei Tote. Das ist normal.

Die Ausbildung ist in ganz Chile einheitlich, obwohl das Land aufgrund seiner Länge klimatisch sehr unterschiedlich ist. So ist es nicht unbedingt einsichtig, warum von den kältesten Regionen bis zu den heißen Wüsten genau das gleiche Reglement gilt. Insbesondere die drei Monate dauernde Grundausbildung würde ein normaler Mensch als Folter beschreiben, für Soldaten ist das aber normal.

Wie ist in Chile der Umgang mit der Diktatur und insbesondere den Verbrechen der Armee?

Die Diktatur ist bis heute nicht aufgearbeitet, insbesondere schweigt man sich über die Vergangenheit der Armee aus. Fast alle eingeleiteten Strafverfahren wegen Verschwundener laufen schon seit sehr langer Zeit. Kaum einer ist mit einem Schuldspruch beendet worden. Im Gegenteil, viele Angehörige der Armee verkünden ihren Stolz über die Vergangenheit und behaupten weiter, das damals Richtige getan zu haben. Es gibt aber auch die Haltung, dass das nie mehr passieren soll, aber da dabei meist weder die Verbrechen noch die Ursachen benannt werden, sehe ich das eher als Verschleierung denn als Aufarbeitung an.

Welche Schwerpunkte hat eure Bewegung?

Wir sind eine Basisorganisation, die aus insumisos, aus Verweigerern und Verweigerinnen besteht. Das, was wir eigentlich immer machen, ist, die Leute zu ermutigen, öffentlich zu verweigern, obwohl es dafür keine rechtliche Grundlage gibt. Es gibt zwar eine internationale Erklärung zur Kriegsdienstverweigerung, die auch Chile unterzeichnet hat, aber bislang keinen entsprechenden Parlamentsbeschluss.

Gibt es eine Initiative für ein Kriegsdienstverweigerungsgesetz?

Ja, die neue Präsidentin Michelle Bachelet hat im Wahlkampf versprochen dieses Problem zu lösen und sie hat jetzt einen entsprechenden Gesetzesvorschlag dem Parlament vorgelegt. Der Vorschlag ist an drei Punkten sehr negativ: Im Krieg soll die Kriegsdienstverweigerung nicht möglich sein, man muss sie vor Antritt des Militärdienstes erklären. Es wird eine Kommission eingerichtet, welche die Gewissensgründe überprüft. Es soll auch einen zwei Jahre dauernden Alternativdienst geben, der entweder als Gemeinschaftsdienst (servicio comunitario) oder als Friedensarmee (peace force), d.h. als zivile Unterstützung für das Militär abzuleisten ist.

Wie entwickelt sich die antimilitaristische Bewegung in Lateinamerika?

Traditionsgemäß haben wir zu den Gruppen in Argentinien, Uruguay, Bolivien und Peru besonders gute Kontakte und versuchen uns mit ihnen abzustimmen und mit ihnen eine gemeinsame Arbeit zu entwickeln. Es gibt in all diesen Ländern Gruppen, die ähnlich wie wir arbeiten.

Was erhoffst du dir von der Tagung hier?

Unterstützung für unsere Arbeit zur Kriegsdienstverweigerung in Chile, die wir als Basisgruppe brauchen. Wir brauchen internationale Kontakte und sind am Aufbau von Vernetzungen sehr interessiert.

Nachtrag von Pelao Carballo, März 2008

Die genannte Gesetzesinitiative der Präsidentin Michelle Bachelet ist gescheitert. Insofern ist die Situation für Kriegsdienstverweigerer in Chile wie gehabt und zumindest durch die Ablehnung des Gesetzesvorschlags nicht noch weiter verschlechtert worden. Allerdings haben wir über inoffizielle Kanäle erfahren, dass das Verteidigungsministerium die Diskussion über ein Gesetz zur Regelung der Kriegsdienstverweigerung wieder in Gang bringen möchte - diesmal mit einer eigenen Initiative.

Seit 2006 entwickelten wir eine Kampagne, um die antimilitaristische Bewegung sowie die insumiso in Chile zu stärken. So wurde die Gründung der Movimiento Antimilitarista de Objeción de Conciencia (Antimilitaristischen Kriegsdienstverweigerungsbewegung - MAOC) vorangetrieben, eine Organisation, in der sich verschiedene antimilitaristische und Kriegsdienstverweigerungsgruppen zusammentun. Zusammen mit MAOC setzen wir uns aktiv für die insumisio ein, wobei Informations- und Öffentlichkeitsarbeit im Vordergrund stehen. Es werden immer wieder antimilitaristische Kurse und Werkstätten organisiert sowie antimilitaristische Aktionen geplant und durchgeführt. Zudem unterstützen wir das indigene Volk der Mapuche und es gibt eine große Nähe zur antiautoritären Bewegung. In jüngster Zeit waren wir auch in der lateinamerikanischen antimilitaristischen Bewegung gegen einen drohenden Krieg zwischen Kolumbien, Venezuela und Equador engagiert.

 

Kontakt: pelaocarb(at)gmail(Punkt)com


Interview mit Pelao Carballo, "Ni casco ni uniforme" Chile und Mitglied des Rates der War Resisters´ International, während der Konferenz "Gewaltfreiheit globalisieren", 23. - 27.7.06, in Geseke bei Paderborn. Fragen, Abschrift und Bearbeitung: fn. Übersetzung: Pete Haemmerle. Sowie Auszüge aus eMail von Pelao Carvallo vom 29.3.2008. Übersetzung: Peter Gramlich. Der Beitrag erschien in: Connection e.V. und AG "KDV im Krieg" (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Mai 2008.



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