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Angola: Frauen für Frieden und Entwicklung
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Angola: Frauen für Frieden und Entwicklung

von Jan van Criekinge

Wie in allen Kriegen hatten auch in Angola Frauen und Kinder am Stärksten unter Gewalt und der totalen Zerrüttung des Landes zu leiden. Von den nach der Unabhängigkeit des Landes 1975 verkündeten ’progressiven’ Zielen für die Gleichberechtigung von Frauen blieb schon schnell nicht viel über. Die Gewalt des Bürgerkriegs verwüstete nicht nur die Infrastruktur von Angola, sondern sorgte auch dafür, dass sich die Position von Frauen verschlechterte. Unter den Millionen innerstaatlicher Flüchtlinge waren Frauen in der Mehrheit. Der gewalttätige Charakter der Gesellschaft ließ auch die innerhäusliche Gewalt stark zunehmen. Aber die Frauen haben nicht auf das offizielle Ende des Krieges gewartet, das im April 2002 verkündet wurde. Sie organisierten sich schon früher selbst und entwickelten Initiativen für eine friedliche Zukunft.

Jan Van Criekinge hatte im Juni 2003 in Luanda ein umfangreiches Gespräch mit Cesinanda de Kerlan Xavier und Maria de Fatima Fonseca von der Bewegung Mulheres, Paz e Desenvolvimento (MPD), einer unabhängigen Angolanischen Frauenbewegung für Frieden und Entwicklung.

Die angolanische Zivilgesellschaft hat im Laufe der 90-er Jahre viele verschiedene Initiativen hervorgebracht, um zu einer Lösung des lang andauernden Krieges zu kommen. Bei vielen Initiativen waren Frauen aktiv beteiligt. Dennoch war die Notwendigkeit zu spüren, eine spezifische Frauenfriedensbewegung zu bilden. MPD wurde offiziell am 9. Dezember 1999 gegründet. Ihr wichtigstes Ziel war es, Frauen für Frieden und Menschenrechte zusammen zu bringen. "Während des Krieges wurden die grundlegendsten Rechte von Frauen und Kindern von allen Kriegsparteien mit Füßen getreten. Selbst das Recht auf Leben, ein Grundrecht der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, war in Angola täglich gefährdet. Es konnte natürlich keine Rede davon sein, dass eine Entwicklung dahin stattfand, denn die Regierung richtete alle ihre Bemühungen auf die Armee. Wir fanden, dass wir als Frauen etwas tun mussten, um unsere Abscheu gegen den Krieg deutlich zu machen", sagt Cesinanda de Kerlan Xavier, die dynamische Vorsitzende von MPD. "Angola könnte auf einfache Weise all seinen Einwohnern ein menschenwürdiges Bestehen garantieren, wenn die Reichtümer des Landes ehrlicher verteilt wären. Der Krieg war nur noch ein Streit reicher Eliten: um die Kontrolle über diese Reichtümer."

Aufruf für Frieden durch Dialog

Die meisten Frauen; die an der Gründung von MPD beteiligt waren, hatten schon viele Erfahrungen aus anderen Organisationen der Zivilgesellschaft mitgebracht oder waren individuell mit Frieden und Gerechtigkeit beschäftigt. Ihren ersten Aufruf für Frieden durch verbreiteten sie am 20. Mai 2000. Der Apelo de Mulheres para a Paz (Aufruf von Frauen für den Frieden) erhielt in der Presse ein großes Echo. "Der Augenblick war gut gewählt, denn die Regierung Dos Santos hatte gerade wieder einen neuen bewaffneten Angriff mit dem Ziel gestartet, definitiv mit den Rebellen abzurechnen. Es war eine Strategie des totalen Krieges. Dass die Zivilbevölkerung schon lange nicht mehr an diese militärische Lösung glaubte, war jedem deutlich, außer offenbar der Regierung selbst. Dagegen wollten wir als Frauen aufstehen. Wir prangerten auch die brutalen Rekrutierungsmethoden der Armee an. Als Mütter wollten wir unsere Söhne nicht länger abschlachten lassen. Mit unserem Aufruf stärkten wir gleichartige Aufrufe der Kirchen und freien Gewerkschaften."

Verfügungsrecht in der Politik

Im Jahre 2001 organisierte die MPD (mit finanzieller Hilfe der Friedrich Ebert-Stiftung) eine erste große Frauen-Friedenskonferenz in Luanda. Mit mehr als 750 TeilnehmerInnen war die Konferenz ein großer Erfolg. Auch aus dem Ausland zeigten Frauen-Delegationen Ihre Solidarität. "Zum ersten Mal hatten wir direkte Kontakte mit Frauen aus den offiziellen Frauenbewegungen von MPLA und UNITA. Wir merkten, dass auch sie nicht mit einer Strategie glücklich waren, die die (männlichen) Führer gewählt hatten. Wenn wir Wege für die Zukunft Angolas wollten, mussten wir als Frauen mehr Verfügungsrechte in der Politik und den Machtzentralen bekommen. Eine der Empfehlungen der Konferenz war die Gründung eines Nationalen Forums für die Politische Partizipation von Frauen. Wenn Menschen merken, dass sie wirklich etwas zu sagen haben, ist die Basis für Demokratie gelegt. Das kann auch vermeiden, dass sich kleine Eliten die Reichtümer dieses Landes immer weiter aneignen."

Frauen und Demokratie in der Praxis

Gemäß der MPD ist die Lektion aus dem Debakel der missglückten Wahlen von 1992, dass Demokratie nicht durch das Ausland eingeführt werden kann. Wenn Menschen nicht die Chance erhalten, eigenes in den Friedensprozess einzubringen, wird kein dauerhafter Friede zustande kommen. Um die politische Teilnahme von Frauen auf allen Ebenen zu fördern, startete die MPD das Project Mulher e Democracia (Frau und Demokratie). Nach den Empfehlungen der Entwicklungsgemeinschaft Südliches Afrika (SADC) sollten Frauen 30% aller Leitungsfunktionen einnehmen. Das ist eine angestrebte Quote, die in keinem Land der Region erreicht wird, auch nicht in Angola. In allen Provinzen begann die MPD Bildungskurse für Frauen anzubieten, in denen darüber informiert wurde, wie ein Staat funktioniert, wie Frauen an den Entscheidungsprozessen teilnehmen können. Konkret ging es zumeist darum, zukünftige Wahlen vorzubereiten und den Ausbruch gewalttätiger Konflikte zu vermeiden. Diese Initiative hatte großen Erfolg und wurde ausgeweitet, nachdem im April 2002 der Waffenstillstand unterzeichnet war. "Das offizielle Kriegsende war selbstverständlich eine gute Nachricht, auch wenn es nicht sofort viel an den elenden Lebensumständen eines großen Teils der angolanischen Frauen veränderte. Um die Entwicklung des Landes wirklich in Gang zu bringen, ist Dialog nötig. Dieses Land muss Abstand gewinnen von seiner Kultur der Gewalt, Korruption und Straflosigkeit. Frauen müssen ihren Platz einfordern und sich organisieren", sagt Cesinanda.

Bildung und Training

Vom 29. bis 31. Juli 2002 organisierte die MPD ein Nationales Forum über Frauen und Demokratie, woran mehr als 800 Frauen teilnahmen, auch aus den Regionen, die während des Krieges nicht aus der Hauptstadt erreicht werden konnten. Um den Frieden auch im Leben der Familien zu festigen, braucht es mehr als die Unterzeichnung eines Vertrags durch die Kriegsparteien, fanden die MPD-Frauen. Ein Aktionsprogramm, gerichtet auf die Rechte von Frauen, wurde zuerst in 14 der 18 angolanischen Provinzen ausgerichtet. Fünfundzwanzig örtliche Frauengruppen schlossen sich der MPD an. Mit Unterstützung der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit konnten 120 TrainerInnen ausgebildet werden, die bis in die äußersten Randgebiete des Landes vermitteln, wie der Friede gestärkt und Versöhnung gefördert werden kann. In Zusammenarbeit mit dem Centre for Common Ground wurde ein Bildungsprojekt eingerichtet, um gewalttätige Konflikte zu vermeiden. Die Integration von Flüchtlingen, ehemaligen Kindersoldaten und großen Gruppen von ehemaligen Soldaten in der Gesellschaft ist keine einfache Aufgabe.

Die Verantwortlichkeit der Regierung

"Die materiellen Nöte der ärmsten Menschen müssen zuerst angepackt werden, bevor sie sich für Wahlen interessieren werden. Aber trotzdem wollen wir nicht warten. Wir wollen den Menschen eine Stimme geben und Demokratie praktisch umsetzen. Das Eine geht nicht ohne das Andere. Das fand auch die portugiesische Stiftung Construir o Futuro em Angola (Zukunft aufbauen in Angola), mit der wir dieses Projekt realisieren konnten", sagt Maria de Fatima Fonseca, Vize-Vorsitzende der MPD. "Denn die Regierung versprach zwar viel, aber bis jetzt ist davon äußerst wenig in den Provinzen zu merken. Die Obrigkeit macht es sich viel zu leicht, indem sie davon ausgeht, dass die humanitären Probleme wohl durch ausländische Organisationen gemindert werden. Das können wir nicht akzeptieren. Wenn wir die Obrigkeit auf ihre Verantwortlichkeit hinweisen und Fragen stellen, wo die vielen Milliarden spurlos verschwinden, die über den Verkauf des Öls eingenommen werden, bekommen wir keine Antwort. Oder doch? Verschiedene Frauen wurden schon bedroht. Wir wissen, dass unser Telefon und unsere E-mails durch die Geheimdienste kontrolliert werden."

Wahlen gut vorbereiten

Auf die Frage, ob die MPD denkt, dass Wahlen kurzfristig realistisch sind, antwortet Cesinanda überzeugt: "Nein. Die Voraussetzungen für ehrliche, transparente und freie Wahlen sind jetzt noch nicht erfüllt. Und die Zivilgesellschaft ist durch die Erfahrung der letzten zehn Jahre wesentlich mündiger geworden. Wir wollen jetzt aktiv bei der Vorbereitung der Wahlen beteiligt werden. Keine Wiederholung mehr von 1992! Damals geschah alles über unsere Köpfe hinweg. Das bedeutet, dass eine wirklich unabhängige Wahlkommission die Wahl kontrollieren kann, dass die UNO finanziell und logistisch hilft, dass unabhängige in- und ausländische Beobachter ungehindert ihre Arbeit tun können, dass sich alle politischen Parteien an den Wahlkodex halten, und vor allem dass Frauen wählbare Plätze auf allen Listen bekommen. In Angola gibt es genügend fähige Frauen. Sie können dieses Land aus seiner militaristischen Logik holen."

Ein Zukunftstraum der MPD ist, dass Angola auch irgendwann einmal eine Wahrheitskommission bekommen wird - nach dem Beispiel von Südafrika. "Die massenhaften Verletzungen der Menschenrechte und die weit verbreitete Korruption dürfen nicht ungestraft bleiben. Versöhnung ist nur möglich, wenn deutlich wird, dass die Verantwortlichen nicht ungestraft davonkommen. Wir benötigen dringend einen Rechtsstaat."

Kontakt

MPD "Mulheres, Paz e Desenvolvimento": Rua Jose de Oliveira Barbosa, n° 58, 1° andar, apart. 2, Luanda, Angola, E-Mail: m_mpd@hotmail.com


Jan van Criekinge: Angola: vrouwen voor vrede en ontwikkeling; aus: Magazine van het Forum voor Vredesactie nr. 224, November 2003; Übersetzung: Helmar Lorenz. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe März 2004.



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