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„Kämpfende Soldaten sind sowohl Opfer als auch Aggressoren“
Connection e.V.
Internationale Arbeit für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure

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Iraq Veterans Against the War - Link zu den IVAW-Seiten zu "Winter Soldier" 2008
Freiburger Friedenswoche - Link zur Homepage
Iraq Veterans Against the War Europe - Link zum online-Auftritt

„Kämpfende Soldaten sind sowohl Opfer als auch Aggressoren“

Redebeitrag auf dem Winter Soldier Hearing in Freiburg (Rose Kazma)

von Rose Kazma

Rose Kazma praktiziert seit 19 Jahren als Psychologin und arbeitet mit Personen, die unter Posttraumatischer Belastungsstörung (PTSD) leiden, ausgelöst durch Einsätze im Rahmen des US-Militärs, Gewalt am Arbeitsplatz oder kriminelle und sexuelle Angriffe. Rose Kazma entschied sich vor neun Jahren, die USA zu verlassen und nach Rom zu gehen. Dort ist sie bei verschiedenen Friedens- und Menschenrechtsgruppen aktiv. (d. Red.)

Ich bin sehr stolz darauf heute hier sein zu können und einen kleinen Beitrag zum ersten IVAW Winter Soldier Europe leisten zu können.

Während des Amerikanischen Bürgerkrieges wurde es Soldier’s Heart (Seele des Soldaten) genannt, im

I. Weltkrieg Granatenschock, im II. Weltkrieg Kampfmüdigkeit und im Vietnamkrieg in den 70ern Vietnamsyndrom. Heute nennen wir es Posttraumatische Belastungsstörung (Post-traumatic Stress Disorder: PTSD). Auch wenn sich die Namen durch die Geschichte hindurch geändert haben, der emotionale Schaden, der durch die Gewalt des Krieges entsteht, ist zweifelsohne der selbe geblieben. Es ist das Resultat, wenn man Menschen Situationen aussetzt, die alles andere als menschlich sind. Chris Hedges schrieb: „Jede Generation folgt als Unschuldige dem Ruf des Krieges. Jede Generation wird erneut ernüchtert, häufig zu einem schrecklich persönlichem Preis.“ Der Fachbegriff Posttraumatische Belastungsstörung wird seit 1980 benutzt um die Symptome der Erschöpfung, die man bei den Kampftruppen feststellte - eine hohe Risikogruppe dafür - zu beschreiben. Es wird auch bei anderen benutzt, die unter einem Trauma leiden. Posttraumatische Belastungsstörung tritt auf, sobald „eine Person ein Ereignis mit tatsächlichem oder drohendem Tod oder ernsthafter Verletzung oder Gefahr für eigene oder fremde körperliche Unversehrtheit erlebt oder beobachtet UND dies intensive Furcht, Hilflosigkeit und/oder Entsetzen hervorruft.“ (DSM-IV)

 

PTSD bei kämpfenden Soldaten unterscheidet sich normalerweise von der allgemeinen Bevölkerung in einer äußerst wichtigen Art und Weise.

1. Kämpfende Soldaten sind sowohl Opfer als auch Aggressoren. Sie leiden unter dem, was ihnen angetan wurde, aber auch unter dem, was sie anderen angetan haben.

2. Bei Zivilpersonen, bei denen PTSD auftritt, ist ein einziges Ereignis ausschlaggebend. Für die meisten aus der allgemeinen Bevölkerung ist es ein einziges, klar abgegrenztes Ereignis. Bei kämpfenden Soldaten jedoch, insbesondere wenn sie in aufständischen Kriegen wie im Irak oder in Afghanistan eingesetzt werden, sind die ausschlaggebenden Ereignisse alles andere als vereinzelt oder klar abgegrenzt. Vielmehr ist es ein langes, sich in die Länge ziehendes Trauma, das fünfzehn Monate fortdauert - für die Länge des Kampfeinsatzes.

 

Symptome von PTSD beinhalten:

1. Wiedererleben des Traumas durch Flashbacks oder belastende Träume;

2. Vermeidung von Reizen, die im Zusammenhang mit der Erfahrung stehen oder allgemeine Unfähigkeit zu reagieren einschließlich der Distanzierung von anderen Personen, vermindertes Interesse an Aktivitäten oder Unfähigkeit Gefühle oder Liebe zu erleben; und

3. ständige Symptome zunehmender Erregung, die Schlaflosigkeit, Zornausbrüche und überzogene Schreckhaftigkeit beinhaltet.

Einer von fünf Soldaten oder ca. 300.000, die aus Afghanistan oder aus dem Irak zurückkehren, leiden an PTSD und/oder Depressionen. Es wird geschätzt, dass es jedes Jahr 20.000 neue Fälle geben wird, solange der Krieg andauert.

Bei Soldaten, die im Dienst stehen, ist es unwahrscheinlich, dass die Diagnose PTSD gestellt wird. Tatsächlich ist es viel wahrscheinlicher, dass sie für ihre Symptome bestraft werden, statt die für sie notwendige Behandlung zu erhalten. Selbstverstümmelungen, Wutausbrüche und Alkoholmissbrauch sind unter anderem Symptome, die vom Militär einfach als mangelhaftes Verhalten qualifiziert werden und ein Disziplinarverfahren zur Folge haben.

In anderen Fällen wurde diagnostiziert, dass es beim Soldaten eine persönliche Erkrankung gäbe, die aus früheren Umständen heraus resultiert und nicht den Erfahrungen des Kampfes zuzuschreiben ist.

Diejenigen, bei denen PTSD diagnostiziert wurde, erhalten starke Medikamente und kehren in den aktiven Dienst zurück. Ernsthafte PTSD-Symptome nehmen mit der Zahl der Einsätze zu. Für viele können es zwei, drei, vier oder bis zu fünf Einsätze sein.

Wenn PTSD unbehandelt bleibt, vor allen Dingen, wenn das Trauma schwerwiegend war, wie bei Soldaten im Kampfeinsatz, entwickeln Personen oft zusätzliche Symptome: Üblich sind Panikattacken, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Depressionen und Selbstmordversuche.

Bei rund 30% der rückkehrenden Soldaten gibt es Missbrauch von Alkohol oder anderen Drogen. Ohne die Möglichkeit, eine angemessene Behandlung zu erhalten oder weil sie aufgrund des Stigmas von PTSD durch das Militär zögern, sich einer Behandlung zu unterziehen, trinken sie oft und/oder nehmen Drogen um ihre Symptome zu unterdrücken. Die Vernachlässigung unserer Soldaten spiegelt sich leider auch in Selbstmordversuchen und Selbstmorden wider.

Die Zahl der Selbstmorde und Selbstverstümmelungen im Militär stieg auf das Sechsfache seit Beginn des Irakkrieges an. 2007 waren es 2.100 Soldaten, die sich selbst verletzten oder Selbstmordversuche begingen, im Vergleich zu 305 im Jahre 2002. 2008 wurden 143 Selbstmorde gemeldet, mit steigender Tendenz, und im Januar 2009 wurden 24 Selbstmorde registriert, mehr als die Zahl der getöteten Soldaten im Irak und in Afghanistan während der selben Zeit. Die genaue Zahl der Selbstmorde ist nicht bekannt, da sie nicht in die Statistik aufgenommen werden, wenn sie sich erst sechs Monate nach der Entlassung aus dem Militär ereignen.

Gemäß der New York Times „erhalten weniger als 40% der Soldaten, bei denen die Diagnose PTSD gestellt wurde, psychologische Betreuung und nur bei der Hälfte der kürzlich aus dem aktiven Dienst geschiedenen Soldaten ist die Behandlung hinreichend. Diejenigen, die eine Weiterbehandlung beantragen, müssen mit einer Wartezeit von 90 Tagen und mehr rechnen.

Zum Schluss möchte ich ein Zitat von Howard Zinn vorlesen, einem amerikanischen Historiker und Aktivist. Ich denke, seine Worte geben den Geist der Wintersoldaten wieder.

„Ziviler Ungehorsam ist nicht unser Problem. Unser Problem ist ziviler Gehorsam. Unser Problem ist die riesige Zahl von Menschen in der ganzen Welt, die den Befehlen ihrer Regierungen gehorchten, in den Krieg zogen und von denen Millionen aufgrund dieses Gehorsams umgebracht wurden. Unser Problem ist, das Menschen in der ganzen Welt gehorsam sind angesichts von Armut und Hunger und Dummheit und Krieg und Grausamkeit. Unser Problem ist, dass Menschen gehorsam sind, während die Gefängnisse voll sind von kleinen Dieben, während die großen Diebe frei herum laufen. Das ist unser Problem.“


Rose Kazma: Redebeitrag auf dem Hearing Winter Soldier Europe, 14. März 2009 in Freiburg. Übersetzung: Karin Fleischmann. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe Mai 2009.



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