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Eritrea: "Die Vorgesetzten haben die absolute Macht"
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Eritrea: "Die Vorgesetzten haben die absolute Macht"

 

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Eritrea: "Die Vorgesetzten haben die absolute Macht"

Interview mit Dr. Yosief Fessehaye Seium und Sara Kahsu Hadgu

Am 5. April 2007 besuchten Rudi Friedrich, Abraham Mehreteab und Yohannes Kidane das Ehepaar Dr. Yosief Fessehaye Seium und Sara Kahsu Hadgu. Beide waren wenige Monate zuvor aus Eritrea nach Deutschland geflohen. Yosief Fessehaye Seium hatte in Eritrea zuvor als Arzt gearbeitet, seine Ehefrau Sara Kahsu Hadgu als Krankenschwester. Im Interview berichten sie über ihre Erfahrungen bei der Behandlung von Soldaten und Soldatinnen, die im Militär misshandelt wurden. Des weiteren schildern sie die Auswirkungen der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Situation im Land (d. Red.).

Wie war Eure Zeit im Militärlager während des Nationaldienstes?

Yosief Fessehaye: Ich war nur vier Wochen lang dort - eine Art Formalität. Wir erhielten nur ein kurzes militärisches Training. Aber auf den Versammlungen erzählten sie uns, es würde nichts bedeuten, dass wir Doktoren seien. Ich würde sagen, die Zeit in Sawa hatte eher etwas von einem Prozess der Entmenschlichung.

In der ersten Woche leisteten wir "Maitot" ab, wir trugen Steine, brachten Holz usw. Die nächsten zehn Tage wurden wir gedrillt. Die letzten zehn Tage führten wir ärztliche Untersuchungen der Rekruten durch. Diese Musterung war nur eine Art Formalität. Einige, die wir für tauglich befunden hatten, sahen wir am nächsten Tag: Sie gingen zu den Offizieren und ließen die Entscheidung abändern. Es gibt viel Korruption. Die meisten, die in dieser Zeit nach Sawa kamen, waren Angestellte der Regierung und Geschäftsleute. Ich denke, dass die Offiziere Geld haben wollten. Viele, die wir als untauglich ansahen, hatten Diabetes und deshalb Schwierigkeiten mit dem Essen und der Hitze. Wir verlangten, dass sie unverzüglich nach Hause zurückkehren sollten, was damals respektiert wurde.

Der verantwortliche Offizier im Militärlazarett in Sawa war Krankenpfleger mit dem militärischen Rang eines Oberst. Er versuchte, den Doktoren die Behandlung der Patienten vorzuschreiben, obwohl er davon nichts verstand. Als Boss hatte er die absolute Macht, jeden zu verhaften, zu bestrafen und so lange festzuhalten, wie er wollte.

Sara Kahsu: Ich kam in der zweiten Einberufungsrunde mit 23.000 anderen nach Sawa. Die Frauen kamen aus allen Teilen Eritreas. Jeden Tag wurden wir gedrillt und hatten harte Arbeit zu leisten, die sie "Maitot" nannten. Wir bauten unsere eigenen Quartiere auf: provisorische Häuser. Wir bauten sie mit einem Holz mit Namen Gindea. Das ist ein saures Holz mit weißem Harz, das zu Wunden in den Händen führt. Weil ich so etwas noch nie vorher gemacht hatte, war es hart und schrecklich für mich.

Die Dächer wurden mit Blättern gedeckt. Sie waren somit nicht dicht. Wenn es regnete, tropfte es herein und auch die Sonne kam durch. Die Wehrpflichtigen der 2. Runde waren dort von Februar bis Juli. Das bedeutete, dass wir während der Regenzeit dort waren und in diesen Häusern keinen vernünftigen Schutz gegen den Regen hatten. Das militärische Training wurde in der Mittagshitze bei 40 Grad durchgeführt. Viele wurden geschlagen. Ich selbst bekam ein geschwollenes Bein.

Einige von den Frauen waren Analphabeten. Sie konnten weder lesen noch schreiben. Wir lehrten sie Tigrinja zu sprechen und zu schreiben. Und weil einige von uns mit einem Computer arbeiten konnten, kamen wir ins Büro.

Die Bestrafung von Frauen war sehr hart. Sie wurden mit der Nummer Acht und dem Helikopter bestraft. Ihnen wurde Milch auf die Haut gestrichen, wenn sie in der Sonne lagen, sodass die Fliegen auf ihrem Gesicht saßen. Frauen wurden in Metallcontainer eingesperrt, wo es in der Mittagszeit unglaublich heiß war. Sie wurden dort ohne Kleidung hineingesteckt. Sie nannten das "Tehadso"-Erfrischung. Eine Frau starb, während ich dort war. Ihr Name war Saba.

Nach sechs Monaten Grundausbildung und einem Monat Bau verließen wir Sawa und liefen in einem 23-tägigen Marsch nach Sahil. Wir hatten außer unseren Gewehren nichts dabei. Es regnete. Meine Füße bluteten. Wir kamen nach Niala, einem berühmten Berg. Ich konnte dort nicht hinaufgehen, weil meine Füße schrecklich schmerzten. Aber sie zwangen mich dazu, es zu tun. Nach drei Wochen erreichten wir Mehimet Marsa, einen Hafen am Roten Meer.

Welche Erfahrungen machtet Ihr im Glass-Militärkrankenhaus?

Yosief Fessehaye: Die Art wie Kriegsverletzungen behandelt wurden, ich möchte das betonen, war fantastisch. Die Probleme begannen später, als wir Opfer von Misshandlungen sahen, Soldaten des Nationaldienstes, die auf Befehl der Offiziere gefoltert worden waren.

Ich kann mich nicht genau an den Monat erinnern, es war im Mai oder Juni 2000. Ein Patient aus der Gegend um Hagag wurde eingeliefert. Er hatte Symptome vollständigen Organausfalls, nachdem er an Armen und Beinen gefesselt für 24 Stunden rittlings aufgehängt worden war. Das ist die häufigste Art, wie die Leute gefoltert werden. Die körperlichen Folgen hängen davon ab, wie fest die Fesseln während des Hängens sitzen.

Zumeist schwellen die Arme, Hände und Finger an. Das wird in der Regel nach einigen Tagen Behandlung besser.

Bei einigen entwickelt sich Nekrose auf der Haut, den Bändern und Muskeln, was zu Entzündungen der Muskulatur führt.

Bei einigen fangen auf einer oder beiden Seiten an, die Extremitäten zu verfaulen, womit eine Amputation notwendig wird, um einen vollständigen Organausfall und den Tod zu verhindern. Ich hatte etwa 10 Fälle mit Amputationen von einem oder beiden Armen. In einem Fall, sein Name ist Habtom, gab es eine beidseitige Amputation an den Unterarmen als Folge seiner Bestrafung. Er erzählte mir, dass er mit seiner Einheit unterwegs gewesen war, um Holz zu holen. Als er gerade Holz trug, rief ihn sein Vorgesetzter zu sich. Er erwiderte: "Lass mich zuerst das Holz ablegen." Dafür wurde er mit einem Strick am Oberarm gefesselt und mit dem Strick an einem Baum aufgehängt.

Auf informeller Ebene versuchten wir über diese Dinge mit denjenigen Verantwortlichen zu diskutieren, bei denen wir dachten, dass sie unsere Sorgen verstehen könnten. Aber es änderte sich nichts.

Das Glass-Militärkrankenhaus ist das zentrale Krankenhaus für die Wundbehandlung. Während des Krieges gab es dreitausend Betten. Alle Verwundungen von eritreischen Militärangehörigen wurden hier behandelt.

Nach dem Krieg kamen Fälle zu uns, die durch Landminen, Unfälle und Verwundungen verletzt worden waren.

Habt Ihr Fälle von Selbstmorden gesehen?

Yosief Fessehaye: Wenn die Betroffenen durch einen Selbstmord gestorben sind, wurden sie nicht mehr ins Krankenhaus geschickt. Ich erinnere mich nur an eine junge Frau, die im Krankenhaus Selbstmord begangen hat. Anschließend wurde gesagt, sie sei an Vergiftung gestorben, aber es gab keine Untersuchung oder Autopsie.

Sara Kahsu: In diesem Fall gab es Gerüchte, dass ein Vorgesetzter hinter ihr her sei, aber sie alle Versuche abgewehrt hat. Ihre Familie war sehr bekannt und als ihr Körper zur Familie geschickt worden war, beschwerte sich die Familie einige Male. Aber niemand konnte der Familie wirklich Auskunft darüber geben, wie sie gestorben ist.

Ich erinnere mich auch an einen anderen Fall in Sahil. Sie wurde Ruth genannt. Sie war mit mir zusammen einberufen worden und wurde dann zusammen mit zwei anderen jungen Frauen im Bereich der Abrechnung in Adobha eingesetzt. Eines Tages weigerte sie sich, dem Vorgesetzten willig zu sein. Er entschied danach, sie zu bestrafen. Er fügte ihr Brandverletzungen mit ihren Zigaretten zu. Trotz aller Wunden blieb sie bei ihrer Entscheidung. Er hörte aber nicht auf, sie zu belästigen, Er wollte sie. Schließlich entschied sie sich, Selbstmord zu begehen. Als sie gemeinsam mit ihrer besten Kameradin aus der Abrechnungsabteilung in einem Bett lag, zündete sie eine Bombe.

In einem anderen Fall erklärte eine junge Frau mit Namen Lettina ihrem Vorgesetzten, dass sie nicht interessiert sei. Er wollte das nicht akzeptieren und bestrafte sie mehrere Male. Sie warnte ihn: "Sei vorsichtig, wir sind Soldaten und haben Waffen." Aber er hörte nicht auf. Am Ende erschoss sie ihn und im Anschluss sich selber.

Wie war die Beziehung zwischen Euch und den ehemaligen Befreiungskämpfern?

Yosief Fessehaye: Wir mussten immer vorsichtig sein, um selbst zu überleben. Wir konnten zwar über Patienten und deren Behandlung reden, aber auf keinen Fall offiziell darüber sprechen, schon gar nicht in Besprechungen. Das wurde immer schlimmer und schlimmer. Allgemein gesprochen: Keiner, auch nicht die Patienten, konnte offen sprechen. Wir hörten davon, dass einige in der Cafeteria verhaftet wurden, weil sie sich offen geäußert hatten.

Inwieweit wurde Eure Arbeit eingeschränkt?

Yosief Fessehaye: Ein ehemaliger Befreiungskämpfer war mein Vorgesetzter. Er war als Krankenpfleger ausgebildet worden. Mir versuchte er vorzuschreiben, dass ich keine Krankschreibungen ausstellen sollte.

Als zum Beispiel ein Patient wegen eines Bruches gekommen war, wollte ich der Einheit eine Mitteilung schreiben und ihn eine Zeit lang krank melden. Aber er befahl mir, keine Mitteilung darüber zu machen. Er wollte, dass der Vorgesetzte des Patienten darüber entscheidet.

In einem anderen Fall hatte sich ein Erste-Hilfe-Arzt über die Behandlung eines Rekruten beschwert. Dieser war mit der Nummer Acht gefesselt und aufgehängt worden. Der Vorgesetzte ließ den Arzt daraufhin ebenfalls mit der Nummer Acht fesseln und aufhängen.

Wie ist die soziale und ökonomische Situation in Eritrea?

Yosief Fessehaye: Mit der Wirtschaft und dem Land geht es abwärts. Es ist ein Desaster. Die ganze private Wirtschaft ist zum Erliegen gekommen. Die gesamte Landwirtschaft wurde vom Militär übernommen.

Jedes Regiment hat seine eigenen Landwirtschaftsbetriebe und Höfe, betrieben von SoldatInnen im Nationaldienst. Wenn Arbeitskräftemangel herrscht, schicken sie Soldaten in die Städte, führen Kontrollen durch und ziehen Leute ein. Wer Papiere hat, den lassen sie laufen. Alle anderen schicken sie zu den Bauernhöfen, wo sie zwei oder drei Monate lang zu arbeiten haben. Das Einkommen aus der Landwirtschaft fließt in die Taschen der Kommandeure.

Alles ist nicht nur teuer, es gibt auch nichts. Es gibt nicht genug Getreide. Um ein Brot zu bekommen, muss man früh aufstehen und drei oder vier Stunden am Laden anstehen. Wer Glück hat, bekommt eins. Wer andere Dinge besorgen will, muss sie im Regierungsladen kaufen, der "Fairer Laden" heißt. Sie sagen, dass es dort billiger ist, aber es ist nur einmal in der Woche möglich, dort mit einer Bezugsmarke einzukaufen. Wenn irgendjemand aus der Familie als Deserteur gilt, wird der Familie keine Lebensmittelmarke zugeteilt.

Ich kenne einige Leute, die mit ihrem normalen Job ganz gut leben konnten, obwohl sie fünf Kinder hatten. Nun sind sie seit zehn Jahren beim Militär. Sie erhalten weniger als umgerechnet 20 Euro im Monat. Ihnen ist nicht gestattet, nebenher eine Arbeit aufzunehmen, um ihre Familie zu ernähren. Es gibt viele Familien, die zerrissen wurden und eine große Zahl von Scheidungen.

Die meisten produktiven Arbeitskräfte sind beim Militär. Wer im Gefängnis sitzt und noch arbeiten kann, muss wie ein Sklave arbeiten. Alle, die über 18 Jahre alt sind, werden einberufen. Heutzutage kann man keine Jugendlichen über 20 Jahre in den Hochschulen finden und in den Schulen ist niemand älter als 18 Jahre.

In Eritrea gibt es keine Rechte. Ein Mann steht an der Spitze: Isayas Afewerki. Vier oder fünf Personen stehen direkt hinter ihm, die Kommandeure der Operationsgebiete. In ihren Bezirken sind sie die Könige. Sogar Isayas Afewerki weiß nicht, was sie dort treiben. Sie können machen, was sie wollen. Und auch alle Offiziere können tun, was sie wollen. So hätte mich mein Vorgesetzter auch ins Gefängnis stecken oder töten lassen können. Das alles sind Gründe, warum sich niemand wagt, gegen die Regierung aufzulehnen.

Warum musstet Ihr Eritrea verlassen?

Sara Kahsu: Sie wählten mich aus, um als Krankenschwester in der Notaufnahme des nationalen Krankenhauses zu arbeiten. Ich machte den Kurs zur Notfallmedizin und arbeitete später als Oberschwester im amerikanischen Team des Krankenhauses. Wir hatten dort eine gute Ausstattung. Sogar hochrangige Regierungsvertreter wurden dort behandelt.

Ich liebe meinen Beruf. Ich möchte Patienten helfen und sie behandeln. Ich bin nicht an Politik interessiert. Aber am Ende versuchten sie mich, in die Politik hineinzuziehen. Damit konnte ich nicht leben.

Als Oberschwester trug ich die ganze Zeit die Verantwortung. Und sie riefen mich ständig, wenn ein hoher Regierungsvertreter krank war. Bevor wir den Leiter des Sicherheitsdienstes behandeln mussten, kam der Sicherheitsdienst zu uns nach Hause. Sie kamen zusammen mit der Polizei. Und sie sagten mir: "Sie dürfen keinerlei Auskünfte darüber geben. Sie sind zur Verschwiegenheit verpflichtet." Ich fragte sie: "Kann ich mein Handy mitnehmen?" Sie lehnten das ab und erklärten: "Selbst Ihrem Ehemann dürfen Sie nicht sagen, wo sie sind, wenn sie Vertreter der Regierung zu Hause behandeln." Ich konnte das nicht akzeptieren. Das wäre für mich sehr riskant gewesen.

Yosief Fessehaye: Stellt Euch vor, wir waren ja in einer guten wirtschaftlichen Situation. Aber es ist schwierig in einem Land zu leben, in dem es kein Recht gibt und wo wir dazu gezwungen wurden, uns politisch zu entscheiden.

 


Quelle: Interview mit Yosief Fessehaye Seium und Sara Kahsu Hadgu. Die Fragen stellten Rudi Friedrich, Abraham Mehreteab und Yohannes Kidane. Bearbeitung: Rudi Friedrich. Der Beitrag erschien in: Connection e.V. und AG "KDV im Krieg" (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, November 2007.



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