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Türkei: Nationalistischer Aufruhr nach Antikriegsäußerungen
Connection e.V.
Internationale Arbeit für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure
Türkei: Nationalistischer Aufruhr nach Antikriegsäußerungen

Türkei: Strafverfolgung wegen kritischer Äußerungen gegen das Militär


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Türkei: Nationalistischer Aufruhr nach Antikriegsäußerungen

von Bia News Center

Die mutigen Äußerungen gegen den Krieg der Sängerin Bülent Ersoy haben heftige nationalistische Reaktionen hervorgerufen und eine Anklage provoziert.

Bülent Ersoy ist eine schillernde transsexuelle Sängerin, der nach dem Militärputsch von 1980 Auftrittsverbot erteilt worden war. Nun ist sie zumeist wegen ihres Auftretens, ihrer jungen Ehemänner und ihrer Schönheitsoperationen in den Schlagzeilen. In einer Livesendung am letzten Sonntag (24. Februar) machte sie ihre Gegenposition zu den aktuellen grenzüberschreitenden Operationen in den Nordirak deutlich.

Hunderte von Opfern

Seit dem Freitag, 22. Februar, führen die Türkischen Streitkräfte Angriffe gegen die Kurdische Arbeiterpartei (PKK) im Norden des Irak durch, indem Bodentruppen über die Grenze geschickt wurden, um die Luftangriffe zu unterstützen. Bis jetzt starben 19 Soldaten und mehrere Hundert PKK-Kämpfer. Die Türkei verfolgt die Begräbnisse der "Märtyrer" in den Abendnachrichten.

Junge Männer verstecken ihre Angst, wenn ihre Freunde in den Militärdienst verabschiedet werden, durch Slogans voller Heroismus und Nationalismus: "Märtyrer sterben nicht, das Land kann nicht geteilt werden."

Nur die DTP wendet sich gegen die Operationen

Die regierende Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) und die oppositionellen Parteien sind sich bei der Zustimmung zu den Operationen einig. Eine Ausnahme stellt nur die pro-kurdische Demokratische Gesellschaftspartei (DTP) dar, die von den anderen Parteien an den Rand gedrängt wurde, bis zum Versuch, die Partei schließen zu lassen.

Zu sagen, dass zahlreiche grenzüberschreitende Operationen der Vergangenheit keineswegs die PKK ausgelöscht hat oder vorzuschlagen, dass das Land um die toten türkischen Soldaten und kurdischen Kämpfer als ein Zeichen verfehlter Politik trauern sollte, stellt in den Augen der meisten Verrat dar.

Die wichtigsten Medien unterstützen den Krieg und verbreiten nationalistische Propaganda. Nun hat es Bülent Ersoy getroffen.

"Ich bin keine Mutter, aber ein Mensch..."

Was sagte sie live im Fernsehen? "Wenn ich ein Kind geboren hätte und jemand würde hinter dem Schreibtisch sitzen und sagen: ‚Sie tun das, er tut das’ und ich sollte dann mein Kind begraben - soll ich damit einverstanden sein?"

Dafür gab es Applaus vom Publikum im Studio. Ersoy führte weiter aus: "Ich weiß nicht genau, was es bedeutet, ein Kind zu haben. Ich bin keine Mutter und werde nie eine sein können. Aber ich bin ein Mensch. Und als ein Mensch... Sie zu Grabe zu tragen... Ich kann nicht wissen, wie sehr die Herzen dieser Mütter gebrochen sind, aber Mütter wissen es." Und sie ergänzte: "Das ist kein Krieg wie jeder andere. Er wurde beschlossen und die Menschen sind dazu gezwungen, mitzuspielen. Es ist eine Intrige und es ist schwierig, damit umzugehen."

"Das Glück Soldatenmutter zu sein..."

Eine andere Sängerin, Ebru Gündes, entgegnete Ersoy in der Livesendung mit einer abgedroschenen Phrase: "Lasst uns Allah für das Glück danken, eine Soldatenmutter sein zu können. Ich möchte einen ruhmreichen Sohn haben und ihn zum Militär schicken." Ersoy: "... und dann werden Sie seine Leiche zurückbekommen." Nun setzte Gündes noch eins oben darauf: "Märtyrer sterben nicht, aber das Land kann nicht geteilt werden." Ersoy erwiderte: "Es sind immer dieselben Klischees, wir sagen immer das Gleiche. Die Kinder gehen, es gibt verdammte Tränen, Beerdigungen... Ich teile diese Auffassung nicht. Warum spielen wir das immer gleiche Spiel mit? OK, das Land darf nicht geteilt werden, aber ... Sollen alle Frauen gebären und dann ihre Kinder zu Grabe tragen? Ist es das?"

Voruntersuchung gestartet

Nach der Ausstrahlung hat der leitende Staatsanwalt in Istanbul, Ali Cakir, eine Voruntersuchung eingeleitet, mit der Anklage der "Distanzierung des Volkes vom Militär." Wenn es ein Verfahren geben sollte, kann Ersoy mit sechs Monaten bis zu zwei Jahren Haft bestraft werden, die sogar erhöht werden kann, weil das "Verbrechen" in den Medien begangen wurde.

Cakirs Name ist uns nicht unbekannt. Er hat 2006 auch ein Untersuchung gegen die Schriftstellerin und Journalistin Ipek Calislar wegen ihres Buchs zur Frau von Atatürk eingeleitet, "Latife Hanim". Er führte damals an, dass das Buch das Gesetz zum Schutz von Atatürk verletze. Ein weiteres Verfahren eröffnete er 2005 gegen den Journalisten Ertugrul Kürkcü aufgrund dessen Artikel "Mustafa Kemal: Illusion und Realität". Auch hier läge ein Verbrechen gegen Atatürk vor.

Inzwischen hat der Oberste Medienrat entschieden, auf dem nächsten Treffen am 28. Februar über die Sendung zu beraten.

"Kein Politiker, kein Intellektueller ist so mutig"

Ahmet Türk, Fraktionsvorsitzender der parlamentarischen Gruppe der DTP sagte zu den Äußerungen Ersoys: "Eine Sängerin spricht es aus, aber kein Politiker, kein Intellektueller ist so mutig wie Ersoy." Die größten Medien haben Ersoy sehr schnell verurteilt, und Hürriyet berichtete unverzüglich, dass die "DTP Ersoy unterstützt". Mit der bekannten negativen Haltung zur DTP sieht sich Ersoy nun der gleichen Ausgrenzung gegenüber.

Währenddessen setzen sich Antikriegsaktivisten für Ersoy ein. Sie sammeln Unterschriften im Internet, die der Presse ausgehändigt werden sollen.



Bia News Center vom 27.2.2008. Nationalist Uproar at Singer’s Anti-War Stance. Übersetzung: Rudi Friedrich und Thomas Stiefel. Dieser Beitrag erschien in: Connection e.V. und AG "KDV im Krieg": Rundbrief »KDV im Krieg«, März 2008.



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